Die Krise ist keine Sackgasse: Ausblicke und Chancen

Tim Farin und Christian Parth – Selbst in der Rezession muss die Karriere nicht stillstehen. Jetzt ist Zeit für neue Projekte, Fortbildungen und den Blick über den Tellerrand.

Die Flaute erkennt Martin Odemann schon am Horizont, und doch segelt er voll auf sie zu. Noch hat der 33 Jahre alte Architekt, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, mit dem Abschluss eines aufregenden Bauprojekts zu tun. Aber eben nur noch wenige Wochen. Danach, das weiß er, könnte es ziemlich grau werden in seinem Büro. Prunkbauten scheint kein Kunde mehr zu wollen. Und die Objekte, mit denen er sich persönlich profilieren könnte, dürften rar werden. Die Wirtschaftskrise drückt auf Mut und Auftragslage. Und Martin Odemann, vor ein paar Monaten noch ein optimistischer Aufsteiger, fragt sich: "Was kann ich tun, um nicht in die Sackgasse zu fahren?"

Die Schreckensmeldungen aus der Wirtschaft reißen nicht ab. Die Psychologie des negativen Denkens zieht immer mehr Geschäftsfelder mit sich. Auch dort, wo die Jobs nicht gleich zu Tausenden gestrichen werden, erstarren jetzt viele auf ihren Posten. Neue Projekte werden gestoppt – und damit für manch ehrgeizige Kraft auch die nächste Chance auf Renommee und Erfolg. Wenn es plötzlich nicht mehr wie magnetisch nach oben geht, wenn Erfolge auch bei gewaltigem Einsatz ausbleiben, drohen Stagnation und Verunsicherung.

Doch so ein konjunktureller Winter bietet auch Chancen, sagt die Erlanger Sozialpsychologin Andrea Abele-Brehm. Es bestehe kein Grund zur Panik. "Wir brauchen nachhaltiges Wirtschaften – auch mit dem eigenen Leben", sagt die Professorin. Und wenn es im Betrieb bedrohlich lahm wird, hat man eben die Gelegenheit, die eigenen Karriereziele zu überdenken. Diese Gelegenheit zur Analyse sollte niemand auf der Hatz nach dem nächsten schnellen Kick verstreichen lassen. "Grundsätzlich muss ich mich informieren, ob es sich um ein Problem meines Unternehmens handelt oder ob es in der ganzen Branche ähnlich aussieht", empfiehlt Julia Funke. Sie bietet in Frankfurt eine Laufbahnberatung für Berufstätige an – und hat derzeit ordentlich zu tun. Der Stagnation mit Aktionismus zu trotzen, hält Funke nicht für angemessen. Idealerweise – vielleicht ist das der wichtigste Tipp für den nächsten Aufschwung – sollten Erfolgshungrige einen Plan für Eventualitäten in der Schublade haben. Vor allem aufstrebenden Jungmanagern stünde solch visionäre Qualität gut zu Gesicht, findet Andreas Suchanek. Der Wirtschaftsethiker an der privaten Handelshochschule in Leipzig sagt: "Wichtig ist, dass junge Menschen ein Urteilsvermögen entwickeln, dem Herdenverhalten etwas entgegensetzen, die Risiken ihres möglichen Arbeitgebers vorher einschätzen zu können."

Steckt man aber erst einmal in der Baisse, liegt die Kraft in einer gewissen Ruhe: Der Architekt Martin Odemann beispielsweise, rät Julia Funke, sollte sich ein Vierteljahr Zeit geben, um die eigene Firma und den Wettbewerb zu analysieren. "Aber dann muss es auch ein klares Fazit für das weitere Vorgehen geben." Lautet das Ergebnis der Analyse, dass der eigene Betrieb der richtige ist, um auch in einer Abwärtsphase zu überwintern, darf trotzdem keine Lethargie einsetzen. "Wenn das Unternehmen grundsätzlich stark ist, gibt es auch in schwächelnden Phasen interessante Aufgaben."

Der Sportbekleidungshersteller Schöffel im bayerischen Schwabmünchen beispielsweise spürt zwar die Auswirkungen von Konsumzurückhaltung und Negativmeldungen. Dennoch setzt das Familienunternehmen auf Kontinuität. Man brauche jetzt keine aufgeregten Krisenmanager, sondern strategisch denkende Mitarbeiter, die Krisen verhindern oder abmildern. Wichtiger als neue Ideen sei deren Umsetzung, sagt Gesellschafter Peter Schöffel und betont die traditionellen Qualitäten des Mittelstands: "Der lange Atem zeichnet den Erfolgreichen aus, nicht Krisenmanagement und erfolgreiche Selbstvermarktung." Nachhaltigkeit, Ethik und Verantwortung steigen im Kurs, das beobachtet auch die Sozialpsychologin Abele-Brehm. "Der schnelle steile Aufstieg ist nur eine von mehreren Möglichkeiten", mahnt sie. Und wer seine eigene Position nur kurzfristig zu stärken versucht, indem er jetzt Druck auf Mitarbeiter, Lieferanten und Schuldner macht, riskiert Vertrauen. Der Wirtschaftsethiker Suchanek etwa empfiehlt, die eigene Integrität und auch die des Unternehmens trotz der Krisenstimmung zu wahren. Man dürfe eben nicht hemmungslos alles tun, um das Ruder herumzureißen.

Bleibt man als Arbeitnehmer im gewohnten Büro, ist die wirtschaftliche Schwächephase der richtige Zeitpunkt zum Anpacken. Denn viele Dinge sind während des Aufschwungs liegen geblieben. Jetzt ist die Gelegenheit, Akten zu ordnen, Korrespondenzen und Kontakte zu pflegen. Spannende Projekte wurden vielleicht nie realisiert. Es lohnt sich womöglich, sie noch einmal hervorzuholen und daraus neues Geschäft zu entwickeln. Eine Chance sieht auch Daniel Jäger in der Krise. Er ist 40 Jahre alt, heißt im wirklichen Leben anders und arbeitet als Entwickler für einen großen deutschen Automobilkonzern. Seit der Flaute ist das Budget seiner Projektgruppe um 40 Prozent eingedampft worden. "Wir müssen jetzt mehr die eigenen Ressourcen nutzen und kreativer arbeiten", sagt er. "Dadurch erhöhen wir natürlich unsere Qualifikation." Ganz einfach sei das allerdings nicht, seit Arbeitszeitkonten streng überwacht und Überstunden abgebaut werden.

Wenn nun statt 75 Wochenstunden partout nur noch 40 zu arbeiten sind, lässt das andererseits Raum für die persönliche Entwicklung. Gerade Jungakademiker liebäugeln jetzt mit der Gelegenheit zur Weiterbildung, mit dem "Master of Business Administration" zum Beispiel oder einer Promotion. "Wer einen Abschluss machen will, sollte das aber zumindest auch schon einmal vor der Flaute angedacht haben", warnt Julia Funke. Eine Promotion nur als Beschäftigungstherapie ist fast schon zum Scheitern verdammt. Die Sozialpsychologin Andrea Abele-Brehm stellt die entscheidende Frage: "Kann ich in dieser Arbeit ,Flow’ erleben, eine Zeitlang darin aufgehen?"

Wenn die Antwort darauf negativ ausfällt, sollte man sich dann lieber ins Private stürzen? Unter Umständen schon. Ist die nächsten sechs Monate Dienst nach Vorschrift zu erwarten, darf man sich durchaus den Traum von der Triathlon-Teilnahme verwirklichen. "Aber das darf nicht dazu führen, dass die Kollegen den Eindruck haben, in schwierigen Phasen verlagere der Mitarbeiter seine Energie komplett ins Privatleben", warnt Julia Funke. Auch hier ist also Sensibilität gefragt.

Das alles sind Möglichkeiten, die Wirtschaftsflaute am angestammten Arbeitsplatz zu nutzen. Zieht in der Karriereanalyse das eigene Unternehmen im Vergleich mit der Branche aber den Kürzeren, bietet die Krise den besten Anlass zum Wechsel. Aber: Wer jetzt einen neuen Arbeitgeber sucht, wird wohl mindestens ein halbes Jahr brauchen, bis er den angestrebten Posten findet. Und die Suche nach einem neuen Job funktioniert nicht mal so nebenbei. Gehört der Suchende zudem weiter einem Unternehmen an, hängt viel am "Wie" der Neuorientierung. Setzt sich der Kollege weiterhin ein, so gut er kann, und erklärt aufrichtig, warum es ihn woanders hinzieht, dann dürfte der Abgang kaum Groll hervorrufen. "Macht aber jemand überraschend den Absprung, hinterlässt er dabei gar ein Chaos, dann bleiben Narben", sagt Andreas Suchanek. Wer die Kollegen wegen der eigenen Aufstiegschancen im Stich lässt, der muss mit Konsequenzen rechnen. "So etwas spricht sich schnell herum."

Kurzum: Die vermeintlich langweilige Baisse ist eine Zeit, um sich selbst Rechenschaft abzulegen, den eigenen Werdegang zu hinterfragen – und dabei Haltung zu wahren. "Gerade jetzt haben die Menschen die Gelegenheit, Entscheidungen zu treffen, die sie auch später noch gut vertreten können", sagt Julia Funke. Das schnelle Geld oder die eigene Eitelkeit sollte dabei nicht im Vordergrund stehen, negative Gedanken allerdings auch nicht. Konstruktiv ist Trumpf – und nicht einmal ein krasser Branchenwechsel tabu. "Vor Löchern oder Brüchen im Lebenslauf braucht niemand Angst zu haben", sagt Funke. "Solange es gute Gründe für den Wechsel gab."

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