Manager im Stresstest




Lisa Nienhaus – Sie waren die Stars der Unternehmen. Jetzt werden die Manager als gierig und verlogen beschimpft. Einer nach dem anderen verliert den Job. Das lässt den härtesten Kerl nicht kalt.

Der Kälteeinbruch kam plötzlich für die leitenden Angestellten deutscher Unternehmen. "Als geschasste Bankmanager angefangen haben, ihre Vergütungen einzuklagen, als die Managerkaste sich wochenlang gar nicht zur Krise geäußert hat und später mangelndes Schuldbewusstsein zeigte – da war der Umschwung da", erzählt Thomas Sattelberger. Er ist selbst Manager, sitzt als Personalverantwortlicher im Vorstand der Telekom – und er spürt, dass es kalt um ihn wird. In der Krise hat sich der Wind gegen die Führungskräfte gedreht. "Politik, Gewerkschaften und große Teile der Medien haben das Feindbild lokalisiert", sagt er. "Es ist der Manager." Und auch Sattelbergers ganz privates Umfeld fragt auf einmal kritisch: "Was ist deine Verantwortung? Wie gehst du damit um, dass du viel Geld verdienst? Fühlst du dich mitschuldig?"

Richtig kuschelig warm hatten es die Manager noch nie in Deutschland. Doch nun ist es schlimmer. Mit jeder Milliarde, die der Staat den Banken garantieren muss, sinkt die Temperatur. Mit jedem Banker, der erst riesige Verluste machte und dann seine Boni einklagen will, müssen sich seine Kollegen in den Chefetagen wärmer anziehen: Politiker beschimpfen Bankchefs als gierig, verblendet und Hauptschuldige der Krise. Dem Mann auf der Straße gelten Manager jeder Couleur als abgehoben, überbezahlt, gefühllos und mutmaßliche Steuerbetrüger.

Das spürt nicht nur Thomas Sattelberger von der Telekom. Das spüren zuallererst die, die im Zentrum der Finanzkrise stehen: die Banker. "Die Gesellschaft steht den Managern zurzeit sehr, sehr kritisch gegenüber", sagt Gunter Dunkel, Vorstandsvorsitzender der Nord LB. "Das gilt vor allem für Bankmanager."

Sie stehen von zwei Seiten unter Druck. Einerseits werden sie von außen angefeindet. Andererseits kämpfen sie seit Monaten ums Überleben ihrer Banken – und damit um ihren Job, ihr Gehalt und ihr aufwendiges Leben. "Die Verunsicherung ist groß, weil man nicht weiß, ob man nächste Woche seinen Job noch hat", sagt Bankmanager Dunkel. Am schlimmsten sei es im vergangenen Herbst gewesen, als das ganze Finanzsystem vor dem Zusammenbruch stand. "Da hatte ich schlaflose Nächte. Ich war überhaupt nicht vorbereitet auf die Vorstellung, dass alle Banken existentiell gefährdet sein könnten."

Nach den Banken sind jetzt auch die anderen Branchen dran. Die Wirtschaftskrise lässt Automobilfirmen und Maschinenbauer ächzen. Die Aufträge brechen ein, die Finanzierung bricht weg, Imperien brechen zusammen. Die Manager sind im Stress. In einer Umfrage unter 1000 Führungskräften gaben 80 Prozent an, dass der Leistungsdruck seit Beginn der Krise gestiegen sei (siehe Grafik). 87 Prozent sagten, das Bild des Managers habe sich im vergangenen Jahr drastisch verschlechtert. Bei jedem Dritten hat die Krise sogar das Privatleben negativ beeinflusst.

So ist diese Wirtschaftskrise auch zur Krise geworden für die Männer der Tat, als die sich die Führungskräfte verstehen. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, müssen aber handeln – und gleichzeitig kommt aus ihrem Innersten immer wieder die irritierende Frage: Was habe ich falsch gemacht? Nord-LB-Chef Dunkel sagt: "Wir als Banker sind die Hauptverantwortlichen dieser Krise. Mit der Frage, wie viel Unbill wir dadurch in die Gesellschaft hineintragen, geht man abends schlafen und wacht morgens wieder auf."

Dunkel hat darüber lange gegrübelt. Er ist damit eine Ausnahme, sagt der Coach und Autor Klaus Doppler: "Ich erlebe wenige, die sich in diesen Zeiten ernsthaft besinnen. Dabei sind Krisen doch eigentlich Zeiten der Besinnung." Die meisten Manager aber gönnen sich keine Muße, sie suchen selten den Rat der Familie, eines Psychologen oder eines Coaches. Stattdessen schalten sie in den Krisenmodus: Sie handeln, suchen Auswege, sie betteln um Staatsgeld und neue Kredite – und fühlen sich doch oft hilflos und ausgeliefert. Das ist das Schlimmste, was ihnen passieren kann, sagt Doppler: "Ein Manager managt. Ein Manager hat kein Problem, er sieht nur Herausforderungen. Es gibt für ihn nichts Schlimmeres als Ratlosigkeit."

Selbstzweifel passen nicht zum Bild, das viele Führungskräfte von sich selbst haben. Deshalb schieben sie die Schuldfrage weg, machen weiter. Augen zu und durch. Bis es irgendwann wieder aufwärtsgeht. Oder bis es gar nicht mehr geht. Bis die ultimative Kränkung des Managerlebens eintritt: der Jobverlust. Wenn der droht, bricht für viele Führungskräfte alles zusammen. Dann fühlen sie sich degradiert, hilflos, zutiefst gekränkt. Dann plötzlich drängen die unterdrückten Selbstzweifel und Versagensängste mit aller Macht ins Bewusstsein.

In den vergangenen Monaten haben viele Bankchefs ihre Stelle verloren, wurden Risikomanager geschasst und Führungspersonen für überflüssig erklärt. In dieser ultimativen Lebenskrise schaffen viele Manager es nicht mehr allein. Sie suchen Hilfe. Zum Beispiel bei Maria Leuschner. Die Ärztin und Psychotherapeutin hat seit Ende 2008 zunehmend Anfragen von hochrangigen Bankmanagern, die um einen Termin bitten. Mittlerweile hat sie drei von ihnen in Therapie, weitere musste sie vertrösten. Sie hat zu viel zu tun.

Es sind erfahrene Führungskräfte, die zu Leuschner kommen: zwischen 45 und 55 Jahre alt, sehr erfolgreich, finanziell bestens gestellt – und sie haben erfahren, dass ihre Karriere bald beendet ist. "Das macht ihnen wahnsinnige Angst. Nicht aus finanziellen Gründen. Sie werden keine Sozialhilfeempfänger, sie bekommen hohe Abfindungen. Aber sie fühlen sich abgeschoben, und sie fürchten, ihren sozialen Status zu verlieren." Die erfolgsverwöhnten Aufwärtsstreber verlieren den Boden unter den Füßen.

Die Manager, die in Leuschners Praxis kommen, stecken häufig tief in einer depressiven Krise. Sie schaffen es kaum mehr, ihren Noch-Arbeitsplatz zu betreten, ihnen bleibt die Luft weg, sie bekommen Schweißausbrüche, Bauchschmerzen, Durchfall. "Sie verfallen regelrecht in Panik", sagt die Therapeutin. Die Wut über das, was ihnen passiert, richten sie gegen sich selbst. Wenn jemand in einer solchen Situation keine Hilfe bekommt, kann es übel enden. "Im schlimmsten Fall", sagt Leuschner, "werfen sie sich vor den Zug." Ein trauriges Beispiel dafür war der Unternehmer Adolf Merckle, der den Zusammenbruch seines Imperiums nicht verkraftet hatte.

Die Identitätskrise durch den Job- und Machtverlust ist typisch für Persönlichkeiten, die häufig in Führungsetagen zu finden sind. Leuschner beschreibt sie als hellwach, arbeitswütig, narzisstisch, erfolgsverwöhnt und doch heimlich von Versagensängsten geplagt. Diese Sorte Manager sucht keine Hilfe bei Familie und Freunden. "Sie versuchen die Fassade des Strahlemanns so lange wie möglich aufrechtzuerhalten", sagt Leuschner. Denn sie definieren sich vollständig über den beruflichen Erfolg. "Sie glauben, dass ihre Frau bei ihnen bleibt, weil sie erfolgreich sind. Sie glauben, dass Freunde sie einladen, weil sie erfolgreich sind." Droht der Verlust der beruflichen Position, befürchten sie, ihr Privatleben gleich mit zu verlieren. In der Therapie müssen sie erst wieder lernen, Kraft und Selbstbestätigung auch aus anderen Dingen als der Arbeit zu ziehen.

Leuschners Patienten sind keine skurrilen Sonderfälle. Die Therapeutin hört ähnliche Geschichten von Kollegen in London. Auch dort brechen Manager zusammen, wird die Finanzkrise zu einer Identitätskrise der Manager. Das trifft zwar längst nicht alle, die Job und Macht verlieren. Doch manche sind besonders gefährdet: diejenigen, denen schon lange die Fähigkeit abhandengekommen ist, sich selbst zu hinterfragen.

Das liegt häufig nicht nur an der Persönlichkeit, sondern geht auch mit der Position einher, befindet Coach Doppler: "Um Manager herum bilden sich Hofhaltungen mit Heerscharen von Opportunisten. Da gibt es kein ehrliches Feedback mehr." Im Umfeld traut sich keiner mehr, eine Entscheidung anzuzweifeln. Und wenn ein Manager selbst nachdenklich wird, reden die Untergebenen es ihm aus. Was folgt, ist Größenwahn.

Diese Konstellation zwischen Chef und Untergebenen sieht Doppler sogar als einen Auslöser der Finanzkrise. "Wenn diejenigen, die Gefahren sehen, sich nicht trauen zu warnen, weil sie es sich nicht verscherzen wollen für ihre Karriere, dann ist der Crash programmiert." Dazu passt der vorauseilende Gehorsam vieler Mitarbeiter, die sich dem Chef anpassen, um nicht anzuecken. Nord-LB-Chef Dunkel hat das gerade unter Investmentbankern beobachtet. "Die Formulierungen sind gleich, die Motivation ist gleich, die Wohnungen sehen gleich aus." Kein Wunder, wenn alle in die gleiche Richtung laufen, bis der Markt zusammenbricht. "Der Lemming-Effekt spielt eine ungeheure Rolle in unserer Branche und ist ein Mitverursacher der Krise", sagt Dunkel. Telekom-Manager Sattelberger sagt: "Das Windschlüpfrige ist zu oft das Schmiermittel für die Karriere."

Nun, in der Krise, geben sich viele Führungskräfte reuig, sprechen über falsche Bonussysteme, eine zu konforme Ausbildung. Und doch versuchen nur wenige, das System zu ändern. Sattelberger hat nur wenig Hoffnung: "Wir erleben nun die Post-Crash-Moral, die vielleicht ein Jahr andauert und dann hochwahrscheinlich wieder mit dem Sündenfall endet."

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