Training für die Seele

Holger Appel – Spätestens mit 40 Jahren baut der Mensch ab. Viele suchen dann neue Herausforderungen im Sport. Gerade Führungskräfte radeln, rennen oder rudern, was das Zeug hält. Das ist eine Flucht vor dem Tod. Aber gut für Körper und Geist.

Es ist immer ein Gewinn, gute Freunde zu haben. Dirk Untermann ist Anästhesist im Facharztzentrum Humanmedicum im hessischen Königstein, und sein Urteilsvermögen lässt auf die Frage nach dem neuerdings auftretenden Zwicken leicht unterhalb des Brustkorbs auch jenseits der medizinisch fundierten Anamnese keine Wünsche offen: "Du bist über 40 Jahre alt. Wenn du morgens aufwachst, und dir tut nichts weh, dann bist du tot." Kinder sind zur Stärkung des Selbstbewusstseins auch nicht schlecht. Dem durchaus dem interfamiliären Wettbewerb aufgeschlossenen achtjährigen Filius muss der Vater zur Eindämmung aufkeimenden Übermuts hier und da ein Stoppschild aufstellen. Also rein ins Schwimmbad und lässig fünfundzwanzig Meter weit getaucht, während dem Sohn nach achtzehn Metern die Luft ausgeht. "Verdammter Mist, du bist 43 und tauchst trotzdem weiter als ich", japst der Jüngling, nicht ohne nachzuschieben, dass es nur noch eine Frage von wenigen Wochen sei, bis er den dem Rentenalter in großen Schritten entgegeneilenden Papa zeigen wird, wo der Hammer hängt.

Derlei kann sich eine mittelalterliche Fach- und Führungskraft natürlich nicht bieten lassen. Zuhauf steigen die 35- bis 50-Jährigen am Abend oder am Wochenende aus dem Anzug und in die Laufschuhe. Oder auf das Fahrrad. Wer etwas auf sich hält, läuft mindestens einen Halbmarathon, gern auch einen vollen, am besten in New York. Die ganz Harten streben in die Welt des Triathlons. Mit dem Bike durchs Tramuntana-Gebirge auf Mallorca ist nicht schlecht, aber richtig zählt in der Szene nur, wer den französischen Mont Ventoux bezwungen hat. Wer sich den Weg dorthin nicht allein zutraut, nimmt sich einen Fitnesstrainer, in der Business-Klasse gern "Personal Health Coach" genannt. Wer das Stichwort in die Suchmaschine eingibt, bekommt allein auf Deutsch 76 900 Seiten mit Empfehlungen, Büchern und Adressen.

Zum diesjährigen Frankfurt Marathon am 25. Oktober werden 13 000 Starter erwartet, das ist Rekord. Und was haben sich die Organisatoren um den Hauptsponsor Commerzbank ausgedacht? Eine Sonderwertung für Führungskräfte, die Marathon Manager. Etwa 320 Meldungen werden erwartet, "die Sonderwertung steht bei den Managern also weiter hoch im Kurs", jubelt der Veranstalter. 2008 hatten die Gewinner eine Reise zum Dubai-Marathon gewonnen und wohnten dort im selben Hotel wie Weltrekordhalter Haile Gebrselassie. Auch in diesem Jahr winkt Dubai.

Man muss sich freilich nicht gleich in die Wüste schicken lassen. In der Bankenmetropole kann sich kaum noch sehen lassen, wer nicht an dem 5,6 Kilometer langen JP Morgan Corporate Challenge Lauf teilnimmt. 69 042 Teilnehmer aus 2708 Firmen haben das in diesem Jahr unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten getan. Hier verbindet sich gesellschaftlicher Event mit Wettbewerb auf die Massen faszinierende Weise, und jedem wird schon auf dieser kurzen Strecke klar, dass die große 4 eine altersbedingte Weggabelung markiert.

Herbert Hainer, der Vorstandsvorsitzende des Sportartikelherstellers Adidas, nimmt gar jede Illusion. "Der Seniorensport beginnt, rein wissenschaftlich betrachtet, schon mit 30 Jahren. Ab 30 nehmen die motorischen Fähigkeiten und die Sinneswahrnehmung kontinuierlich ab. Kraft und Schnelligkeit, Ausdauer und Koordination und natürlich die Beweglichkeit gehen brutal zurück, und leider nimmt gleichzeitig der Körperfettanteil zu. Wir mögen das als Ungerechtigkeit empfinden, aber die Natur macht, was sie will, und es liegt an uns, das hinzunehmen oder uns dagegen zu wehren." Einige Zeitgenossen setzten auf Antiaging, um das wahre Alter auszutricksen. Sie schluckten geheimnisvolle Tabletten, ließen sich Botox spritzen, Fett absaugen, probierten Cremes, hörten Motivations-CDs und kauften Ratgeberbücher. "Hier wird eine Welt des ewigen Jungbrunnens vorgegaukelt. Vor allem aber suggeriert Antiaging, dass es einen bequemen Weg gibt, um jung zu bleiben. Aber diesen bequemen Weg gibt es nicht. Wir müssen uns immer wieder anstrengen, um unsere Ziele zu erreichen. Und dazu gehört der Sport", sagt Hainer.

Winfried Banzer, Leiter der Sportmedizin an der Universität Frankfurt, unterstreicht diese Ansicht aus medizinischer Sicht, räumt aber auch gleich mit der Annahme auf, ganz Deutschland bewege sich. "Die Mehrzahl der Bevölkerung ist leider nicht regelmäßig körperlich aktiv. Richtig ist gleichwohl, dass – bei aller Vorsicht vor Pauschalurteilen – in der Tendenz die Mittel- und Oberschicht sportlich aktiver ist." Dabei rät der Professor eindeutig zum Sport: "Regelmäßige Bewegung hat einen absolut gesundheitsfördernden und auch einen rehabilitativen Charakter", sagt er. Auf quasi alle Zivilisationskrankheiten wirke sich Sport positiv aus. Der vorzeitige Eintritt von Herz-Kreislaufproblemen oder Infarkten werde um 30 Prozent gesenkt. Die Wahrscheinlichkeit für Tumorerkrankungen sinke signifikant, und Personen, die einen Tumor haben, erlebten durch den Sport "eine unglaubliche Stabilisierung der Lebensqualität", wie er in seiner Sport-Krebs-Gruppe an der Universität beobachtet hat. Bewegung in Portionen zu je 30 bis 40 Minuten empfindet Banzer als optimal, mehrmals in der Woche. Es komme nicht auf eine spezielle Sportart an, man solle das tun, was einem Spaß mache, denn nur dann höre man nicht nach kurzer Zeit wieder auf. Auch Krafttraining zur Muskelstärkung sei empfehlenswert. Für einen gesundheitsfördernden Effekt müsse man etwa 1500 Kilokalorien je Woche zusätzlich verbrauchen. Zur Orientierung: Eine Stunde Joggen verbraucht etwa 600 Kilokalorien. Dabei gehe es nicht darum, Marathon zu laufen und ständig neuen Bestzeiten nachzujagen. "Das Gesündeste am Marathon ist das Training", sagt der Professor. In fortgeschrittenerem Alter gilt dies besonders. Banzer hat ein anschauliches Bild parat: "Ab ungefähr 40 beginnt das Fass überzulaufen. Es füllt sich aber schon ungünstig in den 15 bis 20 Jahren davor." Soll heißen: Nicht erst mit 40 mit Bewegung beginnen, sondern schon als Kind und Jugendlicher. "Der Spruch ,Sport ist Mord’ ist Blödsinn. Wer regelmäßig etwas für seinen Körper tut, tut etwas für seine Gesundheit, erlebt zudem einen den Kopf und Geist frei machenden Effekt und fördert so auch noch die berufliche Leistungsfähigkeit", sagt Banzer.

Der Psychologe und Coach Christopher Rauen aus Goldenstedt sieht das alles weniger sportlich und weniger romantisch. Sicher sei es von Vorteil, sich zu bewegen. Doch der Antrieb vieler Fach- und Führungskräfte im Alter um die 40 sei nicht die Gesundheit, sondern die Selbstbestätigung. "Die große 4 ist ein Symbol dafür, dass die Hälfte des Lebens vorbei ist. Man hat einiges erreicht, die Grundbedürfnisse sind gesättigt, und es stellt sich die Frage, wie es in der zweiten Lebenshälfte weitergehen soll. Da kommen viele auf die Idee, sich selbst beweisen zu wollen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören. Einige betreiben Sport dann plötzlich extrem und wollen beweisen, dass sie so fit sind wie ein Fünfundzwanzigjähriger. Letztlich aber ist das alles nur eine Flucht vor dem Tod", meint er. Niemand laufe den New York Marathon, weil er sich danach gesünder fühle. "Gerade ehrgeizige Männer stehen immer in einem Wettbewerb auf dem Affenfelsen. Und auf dem wollen sie oben stehen." Unter Führungskräften hat er dabei eher egoistische Motive beobachtet. "Ich beweise mir, dass ich noch etwas draufhabe", stehe als Gedanke im Vordergrund. Erst in zweiter Linie gehe es darum, seinen Mitarbeitern oder Freunden die neue Fitness zu demonstrieren. Auch die Entwicklung der Gesellschaft sei Ansporn, die immer stärker auf Jugendlichkeit, Sportlichkeit und Lustprinzipien setze. Wer mit Mitte 40 arbeitslos werde, habe auf dem Arbeitsmarkt kaum noch eine Chance. "Deshalb treten in dieser Phase erste Befürchtungen oder gar Ängste auf", sagt Rauen und warnt sogleich davor, dem neuen Bewegungsdrang zu offensiv freien Lauf zu lassen. "Ich nehme bei einigen verbissenen Ehrgeiz wahr. Ein Nerd, der erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut hat, aber ansonsten die ganze Zeit hinterm Bildschirm gesessen hat, sollte nicht plötzlich auf die Idee kommen, einen Marathon zu laufen – jedenfalls nicht ohne medizinische Betreuung", meint der Psychologe. Man solle aufpassen, den Sport nicht in einen krankhaften Bewegungsdrang abdriften zu lassen. "In der Mäßigung zeigt sich der Meister."

"Sport wirkt sich klar positiv auf die Gesundheit aus. Aber die psychologische Komponente will ich gar nicht bestreiten", sagt der Arzt Untermann. Er selbst sei Anfang vierzig, steige seit ein paar Jahren regelmäßig in sein Rudergerät oder auf das Fahrrad und tue das auch, aber nicht allein aus medizinischen Überlegungen. "Radfahren für die Seele", nennt er das. "Jeder, der es ausprobiert, weiß, wie gut man sich damit fühlt", wie viel Stress sich im Kampf mit den Elementen abbauen lasse. Es gilt also offenbar, was schon der römische Dichter Juvenal um das Jahr 100 herum wusste: Mens sana in corpore sano. Wer etwas für seinen Körper tut, tut etwas für seinen Geist. Wie würde der Betriebswirt sagen? Das ist eine klassische Win-Win-Situation.

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