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Kristin Kruthaup – Manchmal ist die Abmahnung nur einen Mausklick entfernt. Die E-Mail-Funktion "Allen antworten" hat schon viele Menschen in Bedrängnis gebracht.

Heute muss Jean-Luc Pouvreau über sein Missgeschick lachen. Aber damals fürchtete er für ein paar Stunden um seinen Job, wegen eines unüberlegten Mausklicks. In der Münchner Firma, für die er damals arbeitete, hatten sie zur Mittagszeit mit reichlich gutem Essen den Abschied eines Volontärs gefeiert. Danach mailte er mit seinem Vorgesetzten und dessen Assistentin eine Weile hin und her. "Nichts Besonderes, nur ein paar Witze", erinnert sich der Franzose, der seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Als sein Chef sich aus dem Wortwechsel ausklinkte, schrieb Pouvreau der Assistentin: "Sieh doch mal nach Herrn Grémion. Bestimmt hat er sich so vollgefressen, dass er eingeschlafen und unter den Tisch gerutscht ist." Dann klickte er auf Versenden – ohne daran zu denken, dass er die "Allen antworten"-Funktion aktiviert hatte.

Sein Missgeschick dämmerte ihm noch im selben Moment. Für einen Moment starrte er fassungslos auf den Bildschirm, dann rief er hektisch den Ordner mit gesendeten Nachrichten auf. Der Kommentar hatte tatsächlich nicht nur die Assistentin, sondern auch den Vorgesetzten erreicht. Die kommenden Stunden verbrachte Pouvreau mit hochrotem Kopf in seinem Büro. Dann ging er mit Herzklopfen zu seinem Chef und entschuldigte sich. Die Geschichte ging glimpflich aus. Der Vorgesetzte nahm den Kommentar mit Humor.

Fast in jedem Unternehmen können Mitarbeiter eine Geschichte zu Missgeschicken mit dem "Allen antworten"-Button erzählen. Um diesen Befehl im E-Mail-Programm Outlook, mit dem nicht nur dem Absender, sondern allen bisherigen Empfängern der E-Mail geantwortet wird, ranken sich Legenden. Für Stefan Kramer, Anwalt für Arbeitsrecht in Hannover, bedeuten die Katastrophen Arbeit, zum Beispiel, wenn die E-Mail eine Beleidigung enthielt oder Geschäftsinterna an die Außenwelt gerieten. "In diesen Fällen kann der Arbeitnehmer durchaus eine Abmahnung und bei gravierenden Verfehlungen eine Kündigung bekommen", sagt Kramer. In einem seiner Fälle hatte ein Arbeitnehmer in einer E-Mail sexistische Scherze über eine Kollegin gemacht; die Nachricht schickte er versehentlich an das ganze Büro. Danach musste er seinen Hut nehmen.

Die schauerlichsten Anekdoten finden sich auf www.thinkbeforyousend.com. Glaubt man dieser Internetplattform, die sich ganz der Sammlung von E-Mail-Katastrophen verschrieben hat, sind – zumindest in Amerika – Schadensersatzforderungen keine Seltenheit. Das erlebte zum Beispiel eine Nutzerin, die sich "Sarah" nennt und die bei einem Chicagoer Immobilienunternehmen angestellt war. Dort hatte sie es mit einer äußerst hartnäckigen Kundin zu tun, die sich permanent nach dem aktuellen Stand der Dinge erkundigte. Irgendwann schrieb "Sarah" genervt an ihre Assistentin, sie möge sich so schnell wie möglich um die Dame kümmern: "Sie ist kurz vorm Überschnappen." Die E-Mail erreichte nicht nur die Kundin, sondern dank "Allen antworten" gleich noch mehrere Personen in ihrem Betrieb.

Die Dame fühlte sich bloßgestellt und klagte auf Schadensersatz, und die Immobilienfirma setzte "Sarah" vor die Tür. "Theoretisch sind Schadensersatzforderungen auch in Deutschland denkbar", sagt Kramer, "wenn eine Persönlichkeitsverletzung nachgewiesen werden kann." Summen, die in Amerika möglich sind, lassen sich in Deutschland aber wohl nicht erstreiten.

Um erst gar nicht in eine peinliche Situation zu kommen, empfiehlt es sich, den "Allen antworten"-Button nur selektiv und mit großer Sorgfalt zu benutzen. Die technisch Versierten können auch eine Zusatzfunktion installieren, die die Redaktion der Zeitschrift "Outlook aktuell" im vergangenen Jahr entwickelt hat. Wer den "reply-all-verifyer" nutzt, wird jedes Mal nach dem Anklicken des tückischen Knopfes gewarnt: "Wollen Sie wirklich allen Empfängern der Nachricht antworten?"

Jean-Luc Pouvreau hat sich damit gar nicht erst aufgehalten. Er hat die Sammelantwort-Funktion in der Systemleiste seines E-Mail-Programms einfach ganz gelöscht. So bange Stunden wie bei seinem letzten Versehen möchte er nicht noch einmal erleben.

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