Karger Lohn, fette Beute

Alard von Kittlitz – Auch Top-Manager haben einmal klein angefangen. Ob als Putzhilfe, Zeitungsausträger oder Bauarbeiter – das erste selbstverdiente Geld prägt die Karriere.

Der junge Mann mit dem deutschen Akzent machte sich tadellos. Heinz hatte erst vor wenigen Monaten als Botenjunge angefangen, jetzt arbeitete er schon hinter den Büchern in der Versandabteilung. Ein bisschen schüchtern war er vielleicht, und bisweilen wirkte er auch übermüdet. Die wenigsten seiner Mitarbeiter wussten allerdings, dass Heinz nach der Arbeit noch in die Abendschule ging. Heinz, gerade 16 Jahre alt, träumte heimlich von einer Karriere als Buchhalter. Die Firma, in der er für seine Familie mitverdiente, hieß Leopold Ascher Brush Factory und stellte Rasierpinsel her. Man schrieb das Jahr 1938. Einige Jahre später, nach dem Krieg, kannten alle Heinz nur noch als Henry, das war auch einfacher auszusprechen. Henry Kissinger. Henry wollte nicht mehr Buchhalter werden.

Das Beispiel zeigt: Man kann sein erstes Geld auch, umgeben von Dachshaaren, in einer Rasierpinselfabrik verdienen, ohne um die spätere außenpolitische Laufbahn fürchten zu müssen. Überhaupt scheint die erste Arbeitsstelle mit der späteren Karriere nur in geringem Zusammenhang zu stehen – vor allem dann nicht, wenn man es zu Ruhm und Ehren bringt. Henry Kissinger also begann seine Karriere nicht im amerikanischen Außenministerium. Claus Kleber war nicht von Anfang an Großjournalist. Burkhard Schwenker beschäftigte sich als junger Mann nicht mit schwächelnden Unternehmen. Alle drei aber – und hier liegt die Gemeinsamkeit – haben schon früh gearbeitet.

Claudia Willvonseder, die Marketingleiterin von Ikea Deutschland, ist überzeugt, dass sie in ihrem ersten Job "commitment" gelernt habe: dass man auch mal die Zähne zusammenbeißen muss, wenn man ein Ziel erreichen will. Ihr erstes Geld verdiente Claudia Willvonseder 1979. Sie war damals 15 Jahre alt, las nach der Schule Camus und lebte in einem kleinen Dorf in Schwaben. "Mir fiel der Himmel auf den Kopf", sagt sie heute. Willvonseder träumte von Paris und einem Sprachkurs in der Alliance Française. Also fing sie an zu putzen. Bei Bekannten, zweimal die Woche am Nachmittag, bis das Geld für Paris zusammen war. "Ich glaube, dass das gut für mich gewesen ist, mir das selbst zu verdienen", sagt sie heute. "Eine Lektion."

Ähnlich sieht es Wilfried Porth. "Man muss arbeiten, wenn man etwas erreichen will", sagt er. Porth verdiente sein erstes Geld mit dem Austragen von Zeitungen. "Bei Wind und Wetter", wie der heutige Daimler-Personalvorstand berichtet. Freilich motivierte den damals 16 Jahre alten Technikfan kaum die Vorstellung, dass er diese Erfahrung eines Tages als lehrreich empfinden könnte. Vielmehr sparte Porth auf eine Spiegelreflexkamera. Erst vor kurzem hat er sich von ihr getrennt. "Schweren Herzens", betont er.

Max Wittrock hat eine ganz andere Lehre aus dem Zeitungsaustragen gezogen. Der Mitbegründer des mit mehreren Preisen ausgezeichneten Internet-Start-ups MyMuesli merkte bald, dass er für diese Art von Arbeit nicht wirklich gemacht war. "Es gab andere, die waren einfach wesentlich schneller als ich", erinnert sich Wittrock, der je Zeitung, nicht je Stunde bezahlt wurde. Das Austragen stellte sich als wenig lukrativ für ihn heraus. Wittrock kam zu dem Schluss, dass er eine andere Stelle brauchte. Als Aushilfe in einem Lagerhaus wurde er glücklicher. "Ich habe damals begriffen, dass man nicht irgendeine Arbeit machen sollte. Sondern eine, die einem auch liegt."

Christian Greiser wiederum, der für das Recruiting verantwortliche Geschäftsführer der Unternehmensberatung Boston Consulting Group in Deutschland, sagt, er habe im Alter von 15 Jahren schon "viel gelernt, von dem ich heute noch profitiere". Was also sollte man tun, um schon früh die Weichen für eine erfolgreiche Beraterkarriere zu stellen? Greiser rät aus eigener Anschauung zum Schlagzeugspiel. Nicht, weil man dabei lernt, im rechten Moment zuzuschlagen. Sondern weil er sich selbst als Schlagzeuger in einer Tanzkapelle schon mit unternehmerischen Realitäten auseinanderzusetzen hatte. Weil seine Band das lieferte, was den Leuten gefiel, konnte sie schon früh höhere Gagen durchsetzen: Angebot und Nachfrage. Differenzierung durch Arrangement und Klang: Strategie. Aufträge buchen: Marketing. Songs schreiben: Forschung und Entwicklung. Verstärker und Anlage organisieren: Logistik. "Es hat wirklich so funktioniert wie ein kleines Unternehmen", sagt Greiser heute. Obendrein lohnten sich die Auftritte auch noch finanziell. Vielleicht konnte er in der Band nicht immer die Musik spielen, die er selbst mochte, aber eine umfangreiche Schallplattensammlung und ein paar Urlaube konnte sich der junge Semi-Profi so durchaus finanzieren.

Mancher lernt im ersten Job allerdings auch gleich die dunklen Seiten der Geschäftswelt kennen. Burkhard Schwenker etwa, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Unternehmensberatung Roland Berger, sah sich schon früh Bestechungsangeboten ausgesetzt: Mit 15 Jahren arbeitete er im Lager eines Großhändlers und half einem erfahrenen Kollegen bisweilen bei der Warenlieferung an die Gastronomie aus. Einige Restaurants boten als Gegenleistung für eine frühe Lieferung ein Essen an. Schwenker erfuhr auf diese Weise rasch, wo sich das frühe Liefern besonders lohnte. Vor allem aber habe er gelernt, dass man über Fleiß viel erreichen kann. Tatsächlich finanzierte er sich sein Studium später weitestgehend selbst, oft auch mit einfachen Arbeiten. In Fabriken, als Fahrer, auf dem Bau. "Natürlich profitiere ich auch als Berater noch davon, dass ich weiß, wie solche Arbeit ist."

Ob Bernhard Paul, der Direktor und Besitzer des Zirkus Roncalli, Ähnliches behaupten kann? Gewisse Gemeinsamkeiten zwischen seiner ersten Arbeit und seiner späteren Laufbahn gibt es durchaus: ein Kostüm, einen festen Ablauf, Publikum. Im Alter von sechs Jahren nämlich begann Paul seine Berufslaufbahn in der Kirche. Als Ministrant half er fünfmal in der Woche bei der Morgenmesse. Einen direkten Einfluss auf seine Zirkusleidenschaft sieht Paul allerdings nicht. Nebenher verkaufte er als Junge auch gefundenen Schrott. Manchmal, bei Hochwasser, spülte der Fluss Fahrradteile an das Ufer. Die Teile hob er auf, bald konnte sich Paul daraus ein Rad zusammensetzen. Fehlende Komponenten kaufte er sich vom Ersparten zusammen. Später schlachtete Paul das Fahrrad, um sich eine Rola-Rola zu bauen, eine Rolle, auf der er balancieren und jonglieren konnte. "Den wahren Lebenstraum", glaubt Bernhard Paul, "entdeckt man schon sehr früh."

Auf Claus Klebers jungen Schultern ruhte gar die Sicherheit der ganzen Bundesrepublik. Als Schüler jobbte der heutige ZDF-Moderator bei der Kölner Firma Interatom. Seine Aufgabe bestand darin, sogenannte Pellets – tablettenförmige Karbonscheiben – sorgfältig zu reinigen, bevor sie in jene Moderatorenstäbe eingesetzt wurden, die die Kernspaltung mitregulieren. Der Lohn dafür sollte in ein Moped investiert werden. Die Hälfte des Preises, so lautete die Abmachung, musste Kleber selbst verdienen, den Rest wollte sein Vater, ein Physiker, ihm dazugeben. Auch indirekt sei es sein Vater gewesen, der ihm die wichtigste Lektion über Arbeit mitgegeben habe, sagt Claus Kleber heute. Dieser sei ein Workaholic gewesen, mit einer Leidenschaft für seinen Beruf. Auch bei Interatom habe es Ingenieure gegeben, die viel Zeit in ihren Beruf investierten. Er sei allerdings auch Kollegen begegnet, die so wenig wie möglich zu arbeiten trachteten. Kleber sagt, er habe als Schüler begriffen, dass er einen Beruf finden müsse, den er gerne ausüben würde. "Ich fand die, die hart und gerne arbeiten, irgendwie besser."

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