Mails zum Abschied: “Machd eiern Drägg alleene!”

Michael Müller – Kaum ein Mitarbeiter scheidet aus einem Unternehmen, ohne an seinem letzten Arbeitstag eine Abschiedsmail an den Verteiler "Alle" zu schicken. Oft gleicht die Nachricht einer Generalabrechnung. Mit ungeahnten Folgen.

Jason Shugar bringt es gerne auf den Punkt: "So long, suckers! I’m out!" – "Bis dann, ihr Lutscher! Ich bin weg!" So verabschiedete sich Shugar vor einiger Zeit von seinen 5000 Kollegen bei Google. Der Betreffzeile folgte eine E-Mail voller Erlebnisse aus seinem Arbeitsleben: wie er in einer Besprechung ein Stück Kuchen in seine Hose stopfte, wie er im Minirock Britney Spears zum Besten gab und wie er das 8000 Dollar teure Ledersofa seines Chefs klaute. Über Nacht wurde aus dem 34-Jährigen ein Star des Internets. In Blogs wurde seine Wortwahl gefeiert und lebhaft kommentiert. Es dauerte nicht lange, da wurden auch die amerikanischen Medien auf Shugar aufmerksam. In einem Interview mit der Zeitung "Los Angeles Times" sagte Shugar, er habe nicht das übliche "Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen zu arbeiten" schreiben wollen. "Wer will das schon lesen?"

Auch die Anwältin Shinyung Oh wählte eine ganz und gar unorthodoxe Abschiedsformulierung. Sieben Jahre hatte sie in einer Niederlassung der Kanzlei Paul Hastings gearbeitet, als ihr plötzlich gekündigt wurde – sechs Tage nachdem sie eine Fehlgeburt hatte. Ihre Vorgesetzten behaupteten, die bis dato ausgezeichneten Beurteilungen seien offensichtlich "etwas übertrieben" gewesen, sie müsse deshalb die Firma verlassen. Die junge Anwältin war außer sich, setzte sich an ihren Computer und verfasste für ihren Chef und die rund 1000 Kollegen eine wütende Abschiedsmail. "Es zeugt von erstaunlich armseligem Urteilsvermögen und Management-Fähigkeiten – und Feigheit – Ihrerseits." Zudem warf sie dem Vorstand Herzlosigkeit vor.

So schillernd die beiden Geschichten klingen: Shugar und Oh sind bei weitem keine Einzelfälle. In Zeiten der digitalen Revolution hat es sich eingebürgert, als letzte Amtshandlung im Beruf eine Abschiedsnachricht, die sogenannte Farewell-Mail, zu schreiben. "Wenn geschätzte Kollegen zum Beispiel an einem anderen Standort als man selbst agieren oder zum Zeitpunkt des eigenen Ausscheidens aus dem Unternehmen nicht greifbar sind. Dann ist es natürlich besser, man verabschiedet sich per Mail als gar nicht", sagt Constanze Wachsmann von der Beratungsgesellschaft Kienbaum Executive Search.

Das führt bei den Empfängern mitunter zu überraschenden Erkenntnissen. Toni Bowers vom Internetdienst Tech-Republic berichtet von Abschiedszeilen wie diesen: "Es war wirklich sehr schön, mit euch zu arbeiten. Und übrigens, Donna, du verdienst 20 000 Dollar weniger als Tom, der genau den gleichen Job macht wie du." Andere Mails erinnern Bowers eher an Reden der jährlichen Oscarverleihung, wenn all den Menschen gedankt wird, die den eigenen Erfolg erst möglich gemacht haben. Als Kostprobe zitiert sie folgende Abschiedsworte: "Ich werde die Erinnerung an euch tief in meinem Herzen tragen, und das Licht wird mich durch all die Hindernisse leiten, denen ich auf meinem weiteren Lebensweg noch begegnen werde." Als sie diese Zeilen zum ersten Mal las, sei sie zu Tränen gerührt gewesen, erzählt Bowers.

Es scheint ganz so zu sein, als wären die technischen Möglichkeiten der Etikette einen Schritt voraus. Der Abschied vom Arbeitsplatz, vor allem nach einer Entlassung, löst bei vielen Beschäftigten ungeahnte Emotionen aus. Fachleute sind sich allerdings einig: Emotionen haben in einer Abschiedsmail nichts zu suchen. "Eine Abschiedsmail ist keine Beichte. Es ist sicher nicht der Zeitpunkt für Gefühle. Denken Sie daran, Sie sind nicht außerhalb des Universums", sagt John Challenger, Experte für Jobauslagerungen der Unternehmensberatung Challenger, Gray & Christmas.

Karriereberater empfehlen Mitarbeitern, sich reiflich zu überlegen, welchen Ton sie in ihrer Abschiedsnachricht anschlagen. Man könne nie wissen, wann man sich wiedersehe. Eine Abschiedsmail ist nicht die geeignete Form, aufgestautem Ärger Luft zu machen. "Eine verbale Generalabrechnung ist eine Steilvorlage für diejenigen, die den Kollegen schon immer für einen Querulanten hielten. Und selbst diejenigen, die dem scheidenden Kollegen wohlgesinnt waren, werden sich eher mit dem Unternehmen solidarisieren, als in die Klage des Mail-Verfassers einzustimmen", sagt Constanze Wachsmann. Sie rät, sich mit Stil und Würde zu verabschieden und den Unmut, den man – berechtigt oder unberechtigt – hegt, außen vor zu lassen. "Es wird andere Orte und Menschen außerhalb des Berufslebens geben, bei denen persönliche Unmutsäußerungen besser aufgehoben sind."

Will Schwalbe und David Shipley haben sich genauer mit dem Thema Abschiedsbotschaften befasst und den Ratgeber "Send: Why people email so badly and how to do it better" geschrieben. Auf die Abschiedsnachricht von Anwältin Shinyung Oh angesprochen, sagt Schwalbe: "Letztlich muss jeder selbst entscheiden, was er tun will." Er rate jedoch dringend, sich ausreichend Zeit zu nehmen, um über den Inhalt einer solchen E-Mail nachzudenken. "Wenn Sie dann, nach ein, zwei Tagen oder gar einem Wochenende, zu dem Schluss kommen, Sie wollen das tun, dann tun Sie es." Man sollte sich jedenfalls im Klaren darüber sein, dass eine barsche E-Mail Brücken einreiße.

Buchautor David Shipley glaubt, dass viele Arbeitnehmer schlicht zu schnell auf "Senden" drücken. "E-Mails haben eine magische Anziehungskraft. Sie sind schnell hingeschrieben, und innerhalb weniger Augenblicke ist eine solche Mail um die Welt geschickt." Heutzutage sei man permanent von den elektronischen Nachrichten umgeben. Daher würden viele Menschen den "falschen Impuls" verspüren, unbedingt schnell sein zu müssen. Eine E-Mail mag in wenigen Minuten verfasst sein, aber es kann Wochen, Monate, wenn nicht gar Jahre dauern, bis eine solche Nachricht wieder vergessen ist. Mails gehen heutzutage überall hin. Bevor man sich der Folgen bewusst wird, befindet man sich im Extremfall bereits im Fernsehen – so wie Oh.

Die Anwältin gibt sich aber auch in der Rückschau standhaft. "Ich würde diese Mail genauso wieder schreiben. Ich bereue nichts. Ich habe klar und direkt gesagt, wie es ist." Die harschen Worte habe sie keinesfalls im Affekt geschrieben. "Freitags erfuhr ich von der Kündigung. Ich habe die Mail dann anschließend zu Hause am Wochenende geschrieben und sie erst am Montag abgeschickt." Ihre Nachricht schickte sie an ihre ehemaligen Chefs und an alle anderen Mitarbeiter der Firma. Den Vorwurf, naiv gehandelt zu haben, weist sie von sich. "Selbstverständlich habe ich mir Gedanken gemacht. Ich habe mehrmals über mögliche Folgen nachgedacht. Und ich dachte durchaus auch, dass diese Mail wohl nicht überall gut ankommen könnte. Aber ich habe dann entschieden, dass ich damit leben kann."

Shipley und Schwalbe haben in ihrem Ratgeber einige Regeln für den E-Mail-Verkehr zusammengestellt. Demnach sollten Mitarbeiter niemals etwas schreiben, das sie nicht auch überall gerne lesen würden. Dieser Tipp bezieht sich vor allem auf die Funktion "Weiterleiten". Zudem sollte man es unbedingt vermeiden, allzu emotional zu schreiben. Der Grund hierfür sei simpel: "Emotionen vergehen, E-Mails nicht", sagt David Shipley.

Nicht zu vergehen scheint indes ein Ausspruch des sächsischen Königs Friedrich August III., der im November 1918 von seinem Thron abdanken musste: "Machd doch eiern Drägg alleene!" Auch diesen Ausspruch machte sich einmal ein Mitarbeiter in seiner Abschiedsmail zu eigen – ein Mitarbeiter, der schon für sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein bekannt war. Damit setzte er seinem Abschied im wahrsten Sinne des Wortes die Krone auf.

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