Mackie Messer im Management

Dagmar Deckstein – Von oben ignoriert, von unten drangsaliert: Das Mittelmanagement gibt nur Anweisungen weiter und spürt dafür den Zorn der Angestellten. Sie sind gefangen im Dunkeln.

Es war wieder mal wie immer. Harry P. schlich gesenkten Hauptes aus dem Konferenzsaal des Multi-Sterne-Hotels, in dem zwei Workshoptage lang natürlich in teurer Engadiner Bergluft die Strategic Vision 2020 besichtigt wurde. Darunter machen wir’s ja nicht. Einer Powerpoint-Schlacht hatten Harry P. und Konsorten beigewohnt, weil die Strategie – natürlich – vom Topmanagement in irgendwelchen kleinen Geheimzirkeln beschlossen und mit großer Geste dem Völkchen der Betriebs- und Abteilungsleiter und sonstigen Mittelhierarchen verkündet wurde.
 
Jetzt konnte Harry wieder die gewohnte Rolle als Ausputzer und Troubleshooter übernehmen, um seinen Mitarbeitern das erratische Konzept des Konzernvorstands nicht nur schmackhaft zu machen, sondern sie bei der Stange zu halten und zu motivieren. Und ihnen zu erklären, dass sie das in vielen Monaten gemeinsam erarbeitete Vertriebsmodell unter Befolgung und Schulung sämtlicher unternehmensinterner Richtlinien, ungeachtet der intensiven Verhandlungen mit potentiellen Lieferanten jetzt geradewegs gemeinsam in die Tonne treten können.
 
Der weise Rat der Konzernführung hat’s im Handstreich vom Tisch gewischt, die Strategic Vision der Ober-Executives weist jetzt genau in die entgegengesetzte Richtung und hat die schönen Bemühungen kaltlächelnd exekutiert. Und die ganze Vorstandsriege ist schon wieder gen Übersee abgeschwirrt, ohne dass man noch ein paar erklärende Sätze hätte abholen oder gar eine Auseinandersetzung mit ihnen hätte anzetteln können.
 
Die im Dunkeln sieht man nicht
 
Der einzige Trost, der Harry P. bleibt, ist der, dass er nicht alleine ist. Wie ihm geht täglich Hunderttausenden sozusagen der Mackie Messer in der Tasche auf: "Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht/Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht."
 
Anlass genug für die Unternehmensberatung Boston Consulting, diejenigen, die sich mit ihrem Licht unterm Scheffel wiederfinden, ins Rampenlicht zu rücken: "Im Schatten der Führungsspitze" betitelten die Berater ihre Recherchearbeit unter 5500 Führungskräften zu den Trends im Personalwesen.
 
Es verwundert kaum, dass die Moral der Truppen wie die des Harry P. tief in den Keller gesunken ist, ihr Engagement in den letzten beiden Jahren um 14 Prozent nachgelassen hat. Kaum Unterstützung, wenig Anerkennung für ihre Arbeit, das macht ihnen schwer zu schaffen. Sie, das sind in einem Konzern mit 50.000 Beschäftigten immerhin bis zu 7000 Leitende.
 
Ignorierte Leistungsverstärker
 
Zugegeben, es liegt ja auch im Charakter dieser Kolumne, sich als Führungsspitze zuvörderst mit den Führungsspitzen auseinanderzusetzen, die den Kontakt zu ihren Fußtruppen längst verloren haben, so sie ihn denn überhaupt je gesucht hätten. Der ist aber ohnehin gar nicht entscheidend, denn dafür gibt es ja die Kontaktleute zwischen ganz oben und ganz unten in der Hierarchie – das mittlere Management, die eigentlichen Leistungsverstärker im Unternehmen.

Von oben vernachlässigt bis ignoriert, von unten gefordert bis drangsaliert, fristen sie ihr Dasein, meist mit viel Verantwortung, aber mit wenig Befugnissen ausgestattet. Und angeborene Führungstalente besitzen sie in den meisten Fällen auch nicht. Das ist die traurige Wahrheit über die Harry P.s dieser Welt und zugleich ernste Mahnung an alle diejenigen, die sich immer noch krummlegen, um endlich den Abteilungsleiterposten zu ergattern.

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