Die große Suche nach dem Glück. Auf welche Weise wollen Sie glücklich werden?

"Geld macht glücklicher als die Ehe"


Patrick BernauNobelpreisträger Daniel Kahneman über die Freuden einer Gehaltserhöhung, die schlechte Laune der Deutschen und die Last der Hausarbeit
 
Herr Kahneman, wie werde ich glücklich?
Sie brauchen glückliche Eltern, denn gute Erbanlagen und eine glückliche Kindheit bringen auch Erwachsenen noch viel. Wenn Sie jetzt noch mehr wissen wollen, müssen Sie sich entscheiden. Es gibt nämlich zwei verschiedene Arten des Glücks: die gute Laune in einem bestimmten Moment und die grundsätzliche Zufriedenheit mit dem Leben. Es gibt Leute, die oft gut gestimmt sind, aber ihr Leben gerne ändern würden – und umgekehrt. Sie müssen mir also erst mal sagen, auf welche Weise Sie glücklich werden wollen.

Welche Art des Glücks ist denn wichtiger?
Beide sind wichtig.

Dann fangen wir doch mal mit der Stimmung an: Wie bekomme ich gute Laune?
Dafür sind die Erbanlagen wieder entscheidend, und Sie müssen gesund sein. Unterschätzen Sie die Gesundheit nicht! Schlaf ist ebenfalls außerordentlich wichtig. Natürlich schlafen glücklichere Leute besser – aber Leute, die gut geschlafen haben, sind tagsüber auch viel fröhlicher. Außerdem brauchen Sie Ihre Freunde. Wenn Sie Leute um sich haben, die Sie mögen, sind Sie glücklicher.

Auf dem Sterbebett wünschen sich viele Leute, sie hätten mehr Zeit mit Freunden und der Familie verbracht. Sind Freunde also auch dafür wichtig, dass ich mit meinem Leben zufrieden bin?
Meist legen die Menschen in dieser Frage erst mal konventionellere Maßstäbe an: Haben sie Erfolg im Beruf? Sind sie verheiratet? Oder geschieden? Erst später im Leben stellen die Leute dann fest, dass sie etwas geopfert haben. Die Menschen denken vorher einfach nicht viel über ihr Glück nach: Sie ziehen zum Beispiel aus der Stadt in den Speckgürtel, weil sie sich dort ein größeres Haus leisten können.

Dort ist es doch auch viel schöner.
Wenn die Stadt einigermaßen lebenswert ist, würden die meisten Glücksforscher den Leuten aber das Gegenteil empfehlen: Bleiben Sie in der Stadt, in der Nähe Ihrer Freunde – auch wenn die Wohnungen dort kleiner sind.

Sind die Freunde denn auch noch wichtig, wenn ich verheiratet bin?
Ja. Unsere Ergebnisse zur Ehe haben uns sehr überrascht. Die Frage, ob man verheiratet ist, ist gar nicht so wichtig. Das Einkommen ist viel wichtiger – sowohl für die Laune als auch für die Lebenszufriedenheit.

Wie bitte?
Na ja, wir haben diese Studie hauptsächlich mit Frauen gemacht. Und jetzt schauen Sie mal, wie sich das Leben einer Frau verändert, wenn sie heiratet. Da gibt es gute und schlechte Dinge. Sie ist viel weniger allein, das mögen die meisten Leute. Aber sie verbringt auch viel weniger Zeit mit ihren Freunden, und die sind nun mal sehr wichtig.

Wichtiger als der Ehepartner?
Die Zeit mit ihren Freunden genießen die Frauen offenbar mehr. Außerdem verbringen verheiratete Frauen viel Zeit mit Dingen, die sie nicht mögen, zum Beispiel mit Hausarbeit. So kommt es, dass die Ehe uns nur ein bisschen glücklicher macht. Insgesamt bringt die Ehe für die Lebenszufriedenheit mehr als für die Laune.

In einer Ehe gibt es auch mal Streit, und dann sagt man oft: "Abends haben wir gestritten, das hat mir einen schönen Tag verdorben."
Das stimmt dann aber gar nicht! Der Tag war vorher ja trotzdem schön. Ihr Streit hat höchstens die Erinnerung an diesen Tag ruiniert. Das Erlebnis und die Erinnerung sind aber zwei unterschiedliche Dinge.

Was ist dann wichtiger: eine schöne Zeit zu erleben oder sich an eine schöne Zeit erinnern – oder stimmt das Sprichwort, und Vorfreude ist die schönste Freude?
Die Leute leben auf jeden Fall so, als wäre ihnen die Erinnerung am wichtigsten. Das ist auch ganz natürlich, denn auf Dauer bleiben uns unsere Erlebnisse nur in der Erinnerung. Die Vorfreude ist auch sehr wichtig, aber in der Praxis ist das gar kein großer Unterschied zur Erinnerung: Sie freuen sich nämlich nicht so sehr auf ein Erlebnis, sondern mehr auf die Erinnerung daran.

Und wie ist das, wenn ich mich auf einen Lottogewinn freue? Von dem habe ich ja noch lange etwas.
Beim Geld müssen Sie aufpassen. Da gibt es einen großen Unterschied zwischen Ihrer direkten Reaktion und der längerfristigen. Die direkte Reaktion ist immer viel stärker, und darauf freuen wir uns. Aber wir täuschen uns dabei.

Ein Lottogewinn ist doch toll.
Wir denken, wenn wir reich werden, macht uns das sehr lange sehr glücklich – aber damit überschätzen wir den Effekt des Lottogewinns. Mit Gehaltserhöhungen und Hochzeiten ist es ähnlich: Am Anfang denken Sie immer wieder daran und freuen sich. Aber früher oder später denken Sie auch wieder an anderes, und dann ist das für Ihre Laune nicht mehr so wichtig. Das ist ähnlich, wenn man querschnittsgelähmt wird. Da bessert sich Ihre Laune mit der Zeit.

Dann macht das Geld die Menschen also doch nicht glücklich?
Geld macht einfach weniger aus, als viele Menschen denken. Sie glauben: Wenn sie reich wären, wären sie viel glücklicher. Sie wären aber nur ein bisschen glücklicher, wenn auch sehr lange. Deshalb haben auch diejenigen unrecht, die sagen: Geld spielt keine Rolle, der Materialismus bringt nichts. Denn wenn wir die Leute in unseren Untersuchungen bitten, über ihr Leben nachzudenken, dann ist das Geld sehr wichtig. Sogar dann, wenn wir verschiedene Länder vergleichen.

Die lassen sich aber nur schwer vergleichen.
Doch, das geht. Zum Beispiel, wenn Sie die Leute fragen, wie sie ihr Leben auf einer Leiter einschätzen: So ist die unterste Sprosse auf der Leiter das schlechteste Leben, 10 ist die beste. Diese Leiter benützen die Menschen auf der ganzen Welt gleich. Da vergleichen sie sich nicht mit ihren Nachbarn, sondern sie haben eine Idee davon, was ein gutes Leben wäre: Stufe 10 ist in Togo die gleiche wie in Dänemark.

Wie können Sie sich da so sicher sein?
Es gibt zwischen den Ländern große Unterschiede in der Lebenszufriedenheit. Der Durchschnitt in Dänemark ist acht, die Dänen sind die Glücklichsten. In Togo sehen sich die Menschen auf Stufe 3. Mit der Laune ist das anders: Ihre Stimmung leidet, wenn es anderen in Ihrer Gesellschaft bessergeht.

Die Deutschen sind nicht viel ärmer als die Dänen. Warum fühlen sich die Dänen dann so viel besser?
Der Reichtum entscheidet nicht alleine. Wichtig ist zum Beispiel auch, wie viel Vertrauen in einem Land herrscht – zum Beispiel wird die Laune im Land schlechter, wenn es korrupter ist. Und die Deutschen sind misstrauischer als die Dänen, die Franzosen aber auch.

Jetzt erzählen Sie zum Schluss noch, was wir tun sollen: Wie sollen wir entscheiden, ob wir uns jetzt ein schönes Leben machen oder uns anstrengen, damit wir in Zukunft zufriedener sind?
Denken Sie vor allem darüber nach, was Ihnen wichtig ist. Viele Menschen tun das nicht, sondern machen einfach das Übliche. Sie nehmen die Arbeitsstelle, die den besten Ruf hat – auch wenn sie dafür in eine Stadt ziehen müssen, in der sie unglücklich werden. Wer besser aufpasst, kann einiges tun, um mehr schöne Tage im Leben zu haben. Zum Beispiel, wenn ein Vater jeden Tag 15 Minuten früher aus dem Büro kommt und die Zeit mit seinen Kindern verbringt.

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