Ist der Chef ein Psychopath?

Und wenn ja, was für einer?

Ulrich Grannemann – Muss man als Führungskraft auch ein bisschen Psychopath sein, um in der Führungshierarchie ganz nach oben zu kommen bzw. um in ihr zu überleben? Werden wir auf Grund psychopathologischer Symptome entdeckt und befördert? Oder werden wir erst zum Psychopathen, weil der Job, die Führungsaufgabe das von uns verlangt?


Ist eine psychische Störung die Vorraussetzung für Karriere? Prof. Gunter Dueck stellt in seinem Buch „Direkt-Karriere: Der einfachste Weg nach ganz oben“ diese freche Hypothese auf. Mehrere Studien scheinen ihm dabei Recht zu geben. Die Führungskräfte-Bücher „Manager oder Menschenschinder: Psychopaten bei der Arbeit“ von von Paul Babiak und Robert D. Hare oder „Der Arschlochfaktor“ von Robert I. Sutton und Thomas Pfeiffer schlagen ebenfalls in diese Kerbe.

Grund genug, sich die Verhaltensprofile der pathologischen Formen genauer anzuschauen.

Prof. Dueck beschreibt fünf Grundformen, die für die Karriere wichtig sind: 

 

Typus

Kurzbeschreibung

Typ A, als Grundvoraussetzung für Karriere

Hoher Anspruch an die eigene Leistung, ehrgeizig

Histrionie (früher Hysterie)

Viele Gefühle, Aufgeregtheit, viele Inszenierungen. „Alles dreht sich um mich!“

Narzissmus

„Ich bin der Beste“, „Sonderrechte stehen mir zu!“ Besser sein als alle Menschen.

Zwanghaftigkeit

 

Die extreme Form der Zuverlässigkeit, Kontrolle über die Welt

Manie

Alles ist möglich! Ständig neue Projekte. Veränderbarkeit der Welt.

 

Braucht man diese extremen Formen wirklich, um in der Führungshierarchie ganz nach oben zu kommen bzw. um in ihnen zu überleben? Werden wir auf Grund psychopathologischer Symptome entdeckt und befördert? Oder werden wir erst zum Psychopathen, weil der Job, die Führungsaufgabe, das von uns verlangt?

 

Wir können nicht fehlerfrei führen und der Führungsjob macht einsam und feedbackarm. Gleichzeitig erwarten Mitarbeiter vieles von uns, von dem wir uns kein Bild machen.

 

Die nachfolgenden Beschreibungen mögen dazu dienen, sich selbst wieder einmal in Frage zu stellen. Denn von mindestens einem psychotischen Merkmal haben wir alle etwas. Die Befallenen merken es nicht – sie halten es für normal. Bevor Sie beim Lesen zu sich selbst sagen: „Ich doch nicht“, halten Sie inne und seien Sie sich nicht zu sicher. Das Beste ist immer noch: Fragen Sie die offenen, mutigen Menschen um sich herum. Auch wenn Ihnen deren Antwort – und manchmal auch die Art und Weise der Verabreichung – nicht gefallen sollte.

 

 

Grundvoraussetzung für die Karriere: Hyperaggression und Typ-A-Verhalten

 

Hyperaggression ist eigentlich ein Teilverhalten eines größeren Verhaltenskomplexes, dem Verhalten ausgeprägter Typ-A-Menschen. In der Medizin kennt man Typ-A- und Typ-B-Menschen. Typ-A-Menschen haben einen hohen Anspruch an sich selbst und sind sehr ehrgeizig. Typ-B-Menschen sind eher „ruhige Vertreter“. Man könnte es vergleichen mit dem Bild des Yuppie-Manager mit Hyperehrgeiz auf der einen Seite und dem fröhlichen Bauern auf der anderen Seite, der das Wetter hinnimmt, wie es kommt und der auch nicht Chefbauer oder Executive-Bauer werden muss. Entsprechend haben Typ-B-Menschen auch keinen Burn-out.

 

Eine gute Darstellung des ganzen Komplexes liefert J. Barton Cunningham (The Stress Management Sourcebook, Lowell House, 2000). Cunningham beschreibt die Hauptmerkmale, die die ausgeprägten Typ-A-Menschen zeigen:

 

  • Hyperaggressivität (steht dauert unter dem Druck, Höchstleistungen zu zeigen, sieht sich     im Wettbewerb mit allen, ist ständig unruhig und hat Angst, nur Zweiter zu sein)
  • ständiges Gefühl der Dringlichkeit (alles muss zum Termin fertig sein, möglichst schneller, alle sollen waagerecht in der Luft liegen)
  • ständiger Drang zur Übererfüllung der Ziele (nichts ist genug, die Standards werden ständig höher geschraubt, ohne je zufrieden zu sein)
  • >>Polyphasic Behaviour<< und Impulsivität (viele Projekte gleichzeitig, ständig auf dem Sprung, stets bereit etwas Neues zu beginnen )

 

 

 

Hyperaggressivität

Es wird noch nicht als Persönlichkeitsstörung gesehen, wenn man zum Typ A gehört, es ist mehr eine gesellschaftlich akzeptable Manie oder Zwangsvorstellung/ Besessenheit.

Während Neurotiker als unnormal angesehen werden, uns „Normale“ befremden und wir beim Anblick eines Neurotikers zweifelnd die Augenbrauen erheben, bleiben unsere Augenbrauen beim Anblick eines Hyperaggressiven unten. Wir kneifen lediglich vage die Stirnfalte zusammen, weil wir im Verhalten von Typ A die deutliche gesellschaftliche Aufforderung fühlen, dass wir uns selbst auch irre anstrengen sollten. Wir fühlen uns zum Mitziehen gezwungen, obwohl wir die Hyperaggressivität innerlich missbilligen. Spüren Sie die Kraft, die Sie zieht, wen einer wie irre arbeitet, wenn Sie schon Feierabend machen wollen? Das ist die Urkraft der Neurose. Sie werden in den Dienst des Workaholics gestellt. Sie müssen gegen Ihren Willen dableiben und mitmachen. Sonst wird er Sie anschwärzen und auf Ihre Kosten Direkt-Karriere machen…

Haben Sie solche Kollegen? Ja? Dann stellen Sie sich jetzt bitte vor, so jemand wird Ihr Abteilungsleiter. Spüren Sie schon die Energie, die Sie treibt? Die Treibkraft der Hyperaggression des Typ A?

 

 

 

Zwanghaftigkeit

Der zwanghaft gestörte Mensch muss alles bis ins Kleinste perfekt regeln und ausführen (Zwanghaftigkeit mag als ins krankhafte gesteigerte Zuverlässigkeit gesehen werden). Jedes Detail wird beachtet, ständig belastet ihn die Angst, etwas übersehen zu haben. Alles wird deshalb überprüft und kontrolliert. Er hat exakte Pläne und führt Listen über alles.

Für diese Übergenauigkeit verbraucht er sehr viel Zeit, was andere, die mit ihm arbeiten müssen, fast selbst in den Wahnsinn treiben kann.

Das richtig Schlimme ist, dass er die ganze Welt und die Menschen um sich herum beständig zu zwingen trachtet, sich selbst auch in das starre System von Bestimmungen und Regeln, von Abläufen und Pflichten einzupassen und damit Teil des Systems zu werden.

Meist lehnen es andere ab, genauso penibel zu sein wie er selbst. Deshalb erledigt der Zwanghafte am liebsten alles selbst. Er delegiert nur, wenn alles bis auf sämtliche Nachkommastellen feststeht und nach demselben Rezept haargenau abgearbeitet wird. Es ist schwer, sein Vertrauen in dieser Sache zu gewinnen.

Der Zwanghafte wirkt sehr reserviert und distanziert.

Kennen Sie solche Menschen? Ich bin sicher, Sie haben diese Merkmale mit denen verglichen, die normale mittlere Manager im Controlling, der Finanzbuchhaltung, im Vertragswesen, im Einkauf oder Bilanzwesen aufweisen. Der Zwanghafte, wie auch der „Prüfer“ oder „Administrator“ im Unternehmen, drücken ihre eigene Arbeitsweise und Perfektion anderen Mitarbeitern und den Abteilungsleitern auf, die sich in der Regel wie Gefangene vorkommen.

 

 

 

Histrionie (Hysterie und Theatralik)

Histrionische („theatralische“) Menschen kann ich am besten begreifen, wenn ich sie mir auf der Bühne vorstelle. Sie stehen dort im Mittelpunkt und geben eine Arie. Dort ist ihr Lieblingsplatz: mittendrin, etwas erhöht.

Histrioniker kleiden sich „anziehend“, versprühen Charme und zeigen ein „einnehmendes Wesen“. Das Ziel des Theaters ist Applaus. Histrioniker wollen bewundert werden und in beständiger Aufmerksamkeit stehen. Sie dramatisieren Erlebnisse und Gefühle.

 

Merkmale des Histrionikers:

 

  • weit übertriebene Emotionalität
  • meidet alle Situationen, in denen er möglicherweise im Schatten steht
  • zeigt verführendes Verhalten, neigt zu unangemessenen sexuellen Anspielungen
  • nutzt sein körperliches Erscheinungsbild als Mittel, etwas zu erreichen
  • provoziert gerne
  • lebt Gefühle aus
  • wechselt, je nach Applaus und Opportunität, die Meinung und die Emotionen
  • ist daher leicht beeinflussbar durch wechselnde Umstände
  • spricht in Schlagworten und Marketingstil – keine exakte Sprache
  • legt mehr Bedeutung in Beziehungen, als angemessen ist („Bin mit dem Präsidenten      befreundet, seit ich ihn im TV sah.“)

 

Wie hört sich das an? Ich bin jetzt ganz sicher, dass Sie diese Merkmale mit denen verglichen haben, die die Vice Presidents als Bereichsleiter an den Tag legen: „Ich habe seit Monaten im Senior- Management-Team die Rolle übernommen, die Kundenfreundlichkeit in unserem Unternehmen zu steigern. Der Kunden ist das Wichtigste! Sie müssen ihn begeistern…“-

 

  

Narzissmus

Ich unterteile diese Stufe in zwei mögliche Hauptformen: den kalten Machthaber und den quirligen Weltveränderer.

Narzissten  lieben nur sich selbst. Sie zeichnen sich durch ein völlig überzogenes Selbstwertgefühl aus. Sie sind neidisch auf das (wenige), das höher ist als sie selbst, und arrogant gegen alles andere. Narzissten stellen unangemessene Ansprüche, sehen sich auf einer andauernden Erfolgswelle und werden durch unersättliche Geltungssucht getrieben. Wehe, sie werden kritisiert! Sie sind einfach großartig. Andere Menschen interessieren sie kaum. Narzissten zeigen keine Empathie und beuten andere Menschen rücksichtslos aus, „sie gehen über Leichen“.

 

Merkmale der Narzissten:

 

  • Gefühl eigener Großartigkeit (übertreibt den eigenen Anteil an gemeinsamen Leistungen)
  • erwartet, einfach so und von vorneherein, als etwas Besonders oder bevorzugt behandelt zu werden
  • Tagträume von Erfolg, Reichtum, Liebe, Schönheit, Pracht
  • hat die Illusion, zu allem berechtigt zu sein
  • verzichtet unangemessen auf Selbstkontrolle
  • “Regeln sind für das Volk, ganz naiv, und passen nicht für mich.“
  • nimmt nicht an, dass Interessen reziprok sein könnten
  • “Andere sind neidisch auf mich. Ich bin einzigartig“
  • “Alles auf der Welt passt zusammen und arbeitet für mich „
  • überhebliches Verhalten gepaart mit verletzender Arroganz
  • kaum Empathie für andere (interessiert sich nicht für andere und ist nicht bereit , ihre Bedürfnisse oder Gefühle zu verstehen und schon gar nicht, sie in seinen Aktionen zu berücksichtigen)
  • entfremdet sich anderen
  • fordert Bewunderung
  • nutzt andere aus, um die eigenen Ziele zu erreichen
  • argumentiert auf Vorwürfe oberflächlich und mit Täuschung, hält echte Rechtfertigung nicht wirklich für nötig
  • “Andere sind da, um mir zu dienen.“
  • zeigt Nonchalance, Unerschütterlichkeit und scheinbar innere Heiterkeit; erscheint cool und unbeeindruckbar; zeigt schwungvollen jugendlichen Optimismus

 

Der Narzissmus ist einfacher zu verstehen als andere Störungen, weil wir alle ein  bisschen davon abbekommen haben. Da gibt es nicht viel zu erklären. Und deshalb haben Sie auch gleich gesehen, dass die obersten Topmanager ganz gut in diese Rubik hier passen. (Es gibt wirklich noch viele Vorstandsfahrstühle, damit die Geschäftsführung keinem Mitarbeiter begegnen muss. Es gibt trotz aller Pleiten überall Träume von Milliarden, Global Players und der dritten Ehe mit einem Playmate.)

 

 

 

Manie

Manie ist eine Gemütskrankheit, die in etwa das Gegenteil der Depression darstellt. Bei manchen Patienten wechseln sich manische und depressive Phasen miteinander ab. Man spricht von manisch-depressiver Erkrankung („himmelhoch jauchzend- zu Tode betrübt“) oder neuerdings von bipolarer Depression oder bipolarer Psychose.

Maniker sind wach, schlafen kaum, beginnen früh mit „Jogging“, erfinden andauernd Neues, verbessern die Welt, exponieren das Unternehmen, mischen sich überall ein. Sie neigen zu ruinösen exzessiven Geldausgaben und plündern oft die ganze Umgebung. In unermüdlichem Expansionsdrang wechseln sie oft die Stellung, hüpfen von Job zu Job, beginnen immer neue Projekte, ohne je welche zu Ende zu führen. Denn bei kleinsten Problemen wird das aktuelle Vorhaben durch eine Reihe neurer Pläne ersetzt. Der Maniker dreht sich wie in einer Pirouette auf der Stelle, ohne dass irgendetwas dabei herauskommt. Maniker reden ununterbrochen von ihrem Tun und zwingen jedem völlig aufdringlich ihre Themen und ihren Willen auf. Sie kennen keine Distanz. Sie sind völlig enthemmt und ablenkbar, auch in Bezug auf ihre Sexualität. Der Maniker spielt immer die Hauptrolle.


Maniker können nicht verstehen, dass sie manisch sind. Man spricht von mangelnder Krankheitseinsicht oder wenigstens Selbstkritik. Wenn dann wieder einmal alles scheitert, wenn es zu Scheidung, Arbeitslosigkeit und Ruin kommt, erfasst sie der „Kater“ und sie stürzen nicht selten in eine tiefe Depression. Als Manager bekommen sie dann eine große Abfindung oder sie beginnen irgendwo anders das manische Spiel. Neues Unternehmen, neues Glück! Über einen bekannten Achterbahnmanager sagte jemand: „Er schafft es, dir immer wieder Geld für neue Vorhaben rauszuleiern, egal, wie oft du geschworen hast, nie wieder etwas mit ihm zu tun zu haben zu wollen. Ein Phänomen!“ Manische Manager übertragen ihre Übertriebenheit auf die Investoren, die dann die Geldschleusen öffnen.

 

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Leserkommentar:

 

Allein die Tatsache, dass Unternehmen glauben, dass Menschen "geführt" werden müssen ist für die heutige Zivilisation beschämend. Insbesondere in Deutschland sollten wir gelernt haben, was es mit, wie auch immer gearteteten, "Führern" auf sich hat…es sind nur hochgradig kranke Menschen, die "Macht und Status" brauchen, um tief verankerte Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren…Leider lassen wir Gesunden uns nur zu oft vor den Karren solcher hirnkranker Psychopathen spannen. (Text von der Redaktion gekürt)

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