Führungsverhalten – Chefs sind oft Überschätzer

Sabine Meinert; ftd.de – Nicht jeder, der sich dafür hält, ist ein wirklich guter Chef. Und nur wenige Manager schätzen sich und ihr Können so ein wie ihr berufliches Umfeld. Dabei hängt viel von einem realistischen Selbstbild ab. Forscher bieten nun die Möglichkeit, eine kostenlose Einschätzung zum Führungsverhalten zu bekommen. 

Um einen relativ objektiven Eindruck vom Können einer Führungskraft zu bekommen, nutzen Unternehmen gern 360-Grad-Feedbacks. Oft bringt schon dessen Auswertung eine leichte Verbesserung im Führungsverhalten, da die Meinungen anderer nicht einfach ignoriert werden können.
Und häufig stellt sich heraus, dass das Selbstbild der Chefs deutlich von dem Bild abweicht, das Mitarbeiter, Kollegen, Kunden, Partner und übergeordnete Hierarchieebenen von dem Manager zeichnen. Die Führungsforschung hat für diese Fälle mehrere Typen herauskristallisiert.
Schlechter oder besser als in der Realität
Wenn sich zum Beispiel Manager schlechter darstellen, als sie von anderen bewertet werden, kann das zu durchaus gemischten Leistungen führen. Viele Fähigkeiten, die die Führungskraft hat, kann sie selbst nicht oder nur teilweise wahrnehmen. Darum trauen sich Unterschätzer oftmals nichts oder weniger als andere zu, was ihr eigentliches Leistungsvermögen schmälert – und das Image ziemlich ruiniert.
Überschätzer dagegen sehen sich besser, als ihre Mitarbeiter sie darstellen würden. "Sie haben wenig Problembewusstsein und erkennen oft nicht, welche Bedürfnisse und zusätzlichen Anforderungen es gibt. In den Teams dieser Manager sinken Leistung und Zufriedenheit der Mitarbeiter. Es fehlt an Nachhaltigkeit", sagt Lars Borgmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Personalentwicklung und Veränderungsmanagement am Zentrum für Weiterbildung (ZfW) der TU Dortmund. Das ZfW nutzt die Über-/Unterschätzer-Typisierung bei der Beratung und beim Training von Führungskräften.
Richtig gut oder richtig schwach?
Diejenigen Chefs, die sich auf einem hohen Level bewegen und ihr Führungsverhalten relativ realistisch sehen, erkennen der Typisierung zufolge die Herausforderungen des beruflichen Alltags gut. Sie können daher schnell und adäquat reagieren. "Diese Richtig-Einschätzer können sich an veränderte Situationen anpassen, das Feedback an die Mitarbeiter stimmt, Aufgaben können entsprechend bewältigt werden", sagt Borgmann.
"Anders ist es dagegen bei Richtig-Einschätzern, die ganz realistisch erkennen, dass sie ihren Job und ihr Team nicht im Griff haben. Ihr Fachwissen und Kompetenz werden oft angezweifelt, daher haben sie einen schweren Stand. Gleichzeitig sehen sie manche Anforderung, fühlen sich aber nicht in der Lage, Probleme anzugehen und sind daher weniger erfolgreich."
Der Experte für Führungsverhalten unterscheidet bei Managern zudem transaktionales und transformationales Verhalten. Wichtig ist aber: Viele Führungskräfte verfügen über Aspekte beider Verhaltensweisen.
Zu transaktionalem Verhalten zählt, dass Chefs bewusst klare Ansagen machen und Erwartungshaltungen deutlich formulieren. Der Austausch von Arbeitsleistung, Informationen, von Lob und Kritik steht im Vordergrund.
In diesem Fall ist das Tun vorrangig darauf ausgerichtet, Bedürfnisse der Mitarbeiter zu erkennen und über eine Belohnung (materiell oder immateriell) Arbeitsprozesse anzukurbeln. "Häufig bedienen sich die Führungskräfte finanzieller Anreize, um ihre Ziele zu erreichen. In Teams funktioniert diese Form der Führung aber oft nur kurzfristig" warnt Borgmann jedoch.
Eine Stufe höher agiere dagegen, wer sich verstärkt der transformationalen Führung bediene. Im Fokus stehen dabei Veränderungen und Lösungen. "Manager mit diesem Führungsverhalten geben Visionen, Ziele und Leitlinien an ihre Mitarbeiter weiter. Sie versuchen, ihr Umfeld geistig zu beflügeln und die Motivation des Einzelnen wie auch der Gruppe deutlich zu steigern – durch individuelle Zuwendung und echtes Bemühen um Veränderung. Unseren Erkenntnissen zufolge ist das der erfolgversprechendste Weg", so der Fachmann.
Dieses Führungsverhalten bringt zudem dazu, sich dem Unternehmen stärker verpflichtet zu fühlen. Da Mitarbeiter und Kollegen Sinn in ihrer Arbeit sehen, wachsen bei ihnen Leistungswille und Loyalität. Chefs, die vorrangig transformational führen, werden häufig als Vorbilder wahrgenommen. In deren Teams läuft die Zusammenarbeit besser als anderswo.
Der persönliche Führungsstilbericht
In der Regel hat jede Führungskraft mehrere Führungsstile, die im Arbeitsalltag noch nicht optimal genutzt werden. Ein effektvoller, guter Führungsstil ist aber erlernbar, wissen die Experten. Das Zentrum für Weiterbildung macht Managern dazu derzeit ein Angebot: Wer wissen möchte, was den eigenen Führungsstil prägt, kann an einer kostenfreien Online-Befragung teilnehmen, die das ureigene Führungsverhalten näher beleuchtet – innerhalb des Forschungsprojektes "Transformationale Führung in der Selbst- und Fremdwahrnehmung".
Dafür müssen die Führungskräfte in einem Fragebogen eine Selbsteinschätzung abgeben. Drei weitere Fragebögen, in denen Mitarbeiter die Fähigkeiten des Managers bewerten, fließen ebenfalls in die Auswertung mit ein. Im Ergebnis erhält jeder Teilnehmer einen individuellen Führungsstilbericht, der dabei hilft, Stärken und Schwächen zu erkennen und sich als Chef weiterzuentwickeln.
Weitere Informationen unter www.zfw.uni-dortmund.de/rowold
Für die direkte Teilnahme an der Online-Umfrage finden Sie den Fragebogen für Führungskräfte hier: http://www.unipark.de/uc/DO_TUDortmund_Brado_LS/6a9b/
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