Das Beziehungskonto

Michael Schmidt – Kennen Sie Ihr Beziehungskonto? Wenn Konflikte durch lang gehegte negative Beziehungskonten verschärft werden, dann steht eine Kontenentlastung (offene Aussprache) an.

In jeglicher Form von Beziehung gibt es Situationen und Interaktionen, durch die die Beziehung entweder gestärkt oder geschwächt wird. Sobald eine Beziehung über ein paar flüchtige Kontakte hinausgeht, manchmal aber auch schon beim ersten Kontakt, speichern Menschen ihre Gefühle, Eindrücke und Gedanken in Bezug auf einzelne Personen. Diesen Vorgang kann man wie eine Art Buchführung betrachten, das Beziehungskonto.

Nach diesem Modell legen Menschen für jede Person, mit der sie häufiger zu tun hat, ein Beziehungskonto an. Je nachdem, wie die Interaktion mit der betreffenden Person verläuft, nimmt der Kontoinhaber emotionale Einzahlungen oder Abbuchungen vor.
 
Einzahlungen auf das Konto der jeweiligen Person macht der Kontoinhaber bei positiven Ereignissen. Abbuchungen erfolgen bei Ärger, Kränkung, Verletzung, Ignorieren, Grenzüberschreitungen, blöden Witzen und anderen als destruktiv empfundenen Aktionen der betreffenden Person. Nach dem Modell der roten und blauen Männchen werden die Abbuchungen auch als Rabattmarken bezeichnet.
 
Hierzu ein Beispiel:
 
Sie sind vor kurzem aus Norddeutschland gekommen und haben Ihren neuen Job in Baden-Württemberg angetreten. Sie haben einen Vorgesetzten, eine Kollegin und zwei Kollegen. Ihren Chef finden Sie ganz sympathisch ( Einzahlung ), und er hat Ihnen neulich in einer schwierigen Situation geholfen (Einzahlung). Seine fortlaufenden Witze über Norddeutsche nerven Sie allerdings (je eine Abbuchung pro Bemerkung, abhängig von der Tagesform). Ihre Kollegin sorgt immer wieder für ein gutes Arbeitsklima. Sie kocht z. B. Kaffee (Einzahlung), hört geduldig zu, wenn Sie von Problemen reden (Einzahlung) und gibt Ihnen wertvolle Hinweise, wie „dieser Laden läuft“ (mehrere Einzahlungen). Allerdings klagt sie oft über ihre Wehwehchen (bereits eine Abbuchung, weil es Sie zunehmend nervt) und ist auch häufiger krank. Dann müssen Sie einen Teil der Arbeit mit erledigen (Abbuchungen je nach Häufigkeit und Schwere bzw. Lästigkeit der Zusatzarbeit). Ihr einer Kollege hat Sie gut eingearbeitet und unterstützt Sie fortlaufend (bisher nur Einzahlungen). Der andere Kollege hingegen hat Sie von vornherein nicht wirklich akzeptiert und kritisiert an Ihrer Arbeit herum oder macht abfällige Bemerkungen darüber, dass Sie als „Nordlicht“ wohl erst noch lernen müssten, wie „man hier arbeitet“ (das Konto ist bereits überzogen!).
 
Dass wir Beziehungskonten anlegen und „bewirtschaften“, ist ganz normal und so lange unschädlich, wie sich das Konto bzw. die Summen der Konten einigermaßen im Gleichgewicht befinden. Überwiegt jedoch im Laufe der Zeit die Negativseite des Kontos (sprich die Ansammlung von gestauter Wut, Ärger, Kränkung, Frust, usw.), dann belastet dieser Zustand zunehmend die Beziehung zwischen den betreffenden Personen und trägt zur Verschärfung auch kleinerer Konflikte bei. Die Schieflage eines inneren Kontos kann man z. B. ganz gut an der Atmosphäre zwischen zwei Menschen, dem Umgangston oder daran erkennen, wie die Betreffenden sich übereinander äußern. Im schlimmsten Fall kommt es zur überraschenden „Vollauszahlung“, wenn die letzte Buchung das Fass zum Überlaufen bringt und der Kontoinhaber einen Wutausbruch bekommt, alles hinschmeißt oder ähnlich überzogene Verhaltensweisen an den Tag legt. Auch Racheakte lassen sich aus der Sicht des Beziehungskontos gut nachvollziehen. Der Volksmund ist ein guter Indikator dafür, dass das Bild des Kontos durchaus passend ist. „Mit dem habe ich noch eine Rechnung offen“, „das zahle ich ihm heim“, aber auch „der hat bei mir noch einen Stein im Brett“ zeigen deutlich, was da in Menschen vor sich geht.
 
Zur konstruktiven Konfliktregelung gehört es daher auch,
 
  • Sich seiner eigenen Konten bewusst zu sein bzw. zu werden
  • Für einen zeitnahen Kontoausgleich zu sorgen, damit wir Anderen nicht zuviel und zu lange nachtragen und uns nicht nur mit den Anderen, sondern auch mit uns selbst versöhnen, unseren Stress abbauen und unser Wohlbefinden steigern können
  • Für einen guten und zeitnahen Stressabbau zu sorgen.
 
Wenn Konflikte durch lang gepflegte Konten der Beteiligten zusätzlich verschärft werden, so ist es oftmals unerlässlich, zuerst eine – zumindest partielle – Kontenentlastung (sprich offene Aussprache) vorzunehmen, bevor man sich dem eigentlichen Konflikt widmen kann (der dann aber genau so oft schon viel kleiner geworden ist).
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