Die unerkannte Wirkung von Mikro-Mimik und Stimme

Was passiert eigentlich im Führungskräfte-Coaching? – Teil 1

Ulrich Grannemann coacht seit über 20 Jahren Führungskräfte. Ein Interview mit ihm von der Redaktion Leadership-Mail.
Redaktion: Sie gelten in bestimmten Kreisen als Geheimtipp im Mikro-Mimik- und Stimmcoaching ohne dafür besonders zu werben. Wie kommt das?
Ulrich Grannemann: Ich bin da reingewachsen. Es war nicht einmal geplant. Das Feedback zu Stimme und Mimik/Gestik war eine Zugabe in meiner Beratungspraxis. Es war wohl genau der Teil, der mich von Weiterempfehlung zu Weiterempfehlung, von Klienten zu Klienten gebracht hat.
Red.: Ihre Klienten kommen aus ganz Deutschland zu Ihnen. Worauf gründen Sie Ihren Erfolg?
 
U.G.: Gute Frage. Ich habe meine Vermutungen. Ich glaube es ist der Dreiklang von Kürze des Coachings, mehr als eine Stunde brauche ich in der Regel nicht, die Einfachheit der Instruktionen und das ist sicher Nummer 1: der so deutlich spürbare Unterschied in der Wirkung auf andere Menschen. Vor allem, wenn man sich selbst davon überzeugen kann, z.B. im Fernsehen.
Red.: Sind Sie ein Promi-Coach, der vor allem dort weiter gereicht wird?
 
U.G.: Um Gottes Willen, nein. Im Gegenteil. Am liebsten sind mir Führungskräfte, die an sich arbeiten wollen und mit kleinen Änderungen Ihre Wirkung verbessern wollen. Natürlich könnten Prominente hilfreich sein, aber selbst empfehlen die Promis einen am wenigsten weiter.
Red.: Ist denn Körpersprache wirklich so wichtig, wie immer wieder gesagt wird?
U.G.: Nein. Sie ist noch viel wichtiger. Man kann den Einfluss kaum überschätzen. Alle wichtigen Entscheidungen werden vom Zwischenhirn getroffen und das verarbeitet eben schnell und vor allem über Mimik, Stimme und etwas Gestik. Viele Coachings brauchen sehr lange um über den Umweg der Veränderung von Einstellungen, Glaubenssätzen Fähigkeiten und Verhalten zu verändern. Auch ich arbeite von innen an der Veränderung von Selbstbild und Identität. Aber ich bin immer wieder überrascht, wie weit die schnelle Veränderung von außen nach innen geht. Vieles ist einfach Angewohnheit, zufällige Muster, die sich einmal eingeschliffen haben. Wenn diese Muster einmal gesehen, erkannt, gezeigt und zurückgespiegelt werden sind sie sehr leicht veränderbar.
Red.: Um diese Fähigkeit zu entwickeln, haben Sie dazu bestimmte Ausbildungen gemacht?
U.G.: Ja und Nein. Alles, was mir geholfen hat die Wahrnehmung zu schärfen war sicherlich eine wichtige Grundlage. Alle Lehrer, die mir immer wieder eingeschärft haben ganz genau hinzuschauen, zu sehen, was ist und nicht was man sucht und erwartet. Und ich bin zum „Schauspieler“ geworden. Nicht der Spiegel oder das Video ist mein wichtigstes Mittel um den Klienten den Kern der Muster direkt zeigen zu können, sondern ich spiegle über mein Gesicht, meine Stimme etwas zurück, was dem Gegenüber direkt seine eigene Wirkung erfahrbar macht. Diese Feedbackbereiche, die sich als die wirklich entscheidenden herausgestellt haben, sind in den klassischen Coachingausbildungen nicht zu finden.
 
Red.: Welches sind die entscheidenden Bereiche in der Körpersprache? Gibt es Bereiche, die im Allgemeinen nicht wahrgenommen oder beachtet werden? Gibt es vielleicht sogar Geheimnisse, die Sie uns verraten können?
 
U.G.: Geheimnisse? Nein. Eigentlich das Gegenteil. Eher das vollkommen Offensichtliche. Aber das ist schon spannend und manchmal überraschend, welche offensichtlichen, aber nicht beachteten Punkte eine hohe Wirkung in unserer Kommunikation haben.
 
Red.: Welche sind denn die Wichtigsten?
 
U.G.: Da möchte ich Ihnen vielleicht drei Bereiche nennen. Zunächst sind ganz leicht zu verändernde Punkte wie Brillen, Frisuren und Bärte zu nennen, die – falsch gewählt – fatale Auswirkungen auf den Ausdruck von Offenheit, Vertrauen, Kompetenz haben. Nicht selten gibt es modische und für sich durchaus gut designte Brillen, die aber das Augenfeld durchtrennen und den Blick auf die Augen beeinträchtigen. Oder die kaputte Brille, die durch eine „Vogel-Zeigen-Geste“ regelmäßig wieder gerade gerückt wird. Bis zum nächsten Runterrutschen der Brille.  
 
Etwas mehr Aufwand braucht z.B. das Entwöhnen eines Dauergrinsens oder – noch schlimmer in der Wirkung – das schiefe Lächeln. Im sprachlichen Bereich gibt es keine Angewohnheit, die es nicht gibt. Zischlaute, Schnalzer, Füllworte, Äh´s jeglicher Form und Tonlage, ja ganze Halbsätze die Menschen in ihre Sprache einbauen, ohne es wirklich zu merken und die – und das überrascht mich immer wieder – feedbacklos bleiben.
 
Red.: Und der zweite Bereich?
 
U.G.: Einen großen Einfluss auf unsere Außenwirkung hat unsere Fähigkeit Hoch-, Gleich- und Tiefstatus zu zeigen. Ein Begriff und ein Deutungsmuster, das auf den Nestor des Improvisationstheaters Keith Johnstone zurückgeht. An diesen Mustern erkennen wir Offenheit, Bereitschaft sich zu entschuldigen, Sicherheit und Festigkeit in der eigenen Meinung. Egal was wir sagen, wir liefern immer eine Statusinformation mit. Es kommt sofort zu Schwierigkeiten, wenn ein Statusbereich zu wenig bzw. zu viel eingesetzt wird. Oder noch schwieriger das Mischen von Signalen aus verschiedenen Statusbereichen, was zu Inkongruenzen führt.
 
Red.: … und der Dritte?
 
U.G.: Der vielleicht mit Abstand unterschätzteste Bereich, der so gut wie nicht in der Literatur beschrieben wird, ist gar nicht der visuelle, sondern der auditive Bereich. Es ist aber weniger die Stimme selbst wie Fistel-, Quetsch- oder geknödelte, zu weit im hinten gebildete Stimmen. Den vielleicht wichtigsten Einfluss hat unsere Stimm- und Sprachmodulation. Vielmehr als alles andere bestimmt unserer Modulation darüber, ob wir langweilig, kompetent, interessant, spannend, intelligent oder überzeugend wirken.
 
Red.: Aber hängt die Modulation nicht eher von Inhalt und Emotion ab?
 
U.G.: Die Art, wie wir sprechen, ist viel gleichförmiger, als wir annehmen. Vor allem, wenn wir uns auf die Situationen konzentrieren, in denen wir andere überzeugen oder unterhalten wollen. Jeder von uns hat dann einen festen Satz von Betonungsmustern (in der Musik spricht man von einem Metrum) innerhalb typischer Taktlängen, aus denen wir unsere Satzfolgen zusammensetzen. Unsere Sprache hat also viel mehr mit Lyrik und Musik zu tun, als man zunächst annehmen könnte. Diese Betonungsmuster sind so individuell wie unser Fingerabdruck.
 
Red.: Was ist denn typisch für jeden Einzelnen?
 
U.G.: Für die erste Analyse genügen ein paar wenige Kriterien. Manche nutzen eher kurze, andere eher lange Wortfolgen, bis die nächste kleine Pause kommt, also eher lange Takte. Die einen betonen oder markieren stark, andere bleiben innerhalb der Takte eher gleichförmig und flach. Manche machen zu viele, andere zu wenig Takte. Geschwindigkeit und die Länge der Pausen sind weitere Punkte. Der Abschlusstakt einer Gedankenfolge wird anders betont als die anderen Takte vorher. Manchmal wird der Abschlusstakt vorbereitet. Dann ähnelt eine Argumentations- oder Gedankenkette einem Fußballzug. Pass, Pass, Pass, Vorlage, Torschuss.
 
Red.: Gibt es denn Merkmale für einen besonders überzeugende „Sprachzüge“?
 
U.G.: Ja, die gibt es. Prof. Alex Pentland vom MIT in Boston hat es in seinen Studien sogar messen können. Danach überzeugen Muster, die eher gleichförmig sind, sich also wiederholen, aber mittel bis stark moduliert sind. Starke Modulation ohne Wiederholung, also wechselnde Muster, bewirken das Gegenteil.
 
Red.: Sind Sie so etwas wie ein Designer, ein Schönheitschirurg der Sprache und Mimik?
 
U.G.: Interessanter Vergleich. Stimmt aber nicht ganz. Ich glaube die Veränderung von Verhalten bleibt immer bei der Persönlichkeit. Man kann etwas ent-wickeln, etwas freilegen, was potenziell einer Person möglich ist. Ich habe veränderte Gesichter gesehen, die einfach nicht mehr zur Person passten. Ein Verhalten, dass nicht zur Person passt, verliert sich von ganz allein, wird einfach wieder abgestoßen. Und es ist – das muss ich zugeben – eine sehr befriedigende Coachingarbeit. Ich benenne Offensichtliches, das vorher nicht so wahrgenommen wurde. Und häufig genügt es schon, ein Muster bewusst machen, um die Veränderung in Gang zu setzen. Und es ist mehr veränderbar, als ich zu Beginn meiner Arbeit gedacht habe.
 
Red.: Welche anderen Themen sind aus Ihrer Sicht im Coaching typisch?
U.G.: Ein völlig anderer Teil von Coaching besteht darin, Führungskräften „handwerklich“ dabei zu helfen, ihre Aufgabe zu bewältigen und zu organisieren.

 

 

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