Wir brauchen keine Work-Life-Balance

Michael Schmidt– Im Zeitalter von Burnout und Co. kommt man nicht um sie herum: Die WORK-LIFE-BALANCE. Altmodisch ausgedrückt: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, so hieß es in meiner Jugend. Sinn der Sache war und ist es, sich nicht zu sehr auf eine Seite des Lebens, nämlich entweder die Arbeit oder das Privatleben mit Familie, Freunden und Hobbies zu konzentrieren. Ist das im Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit, des kontinuierlichen Bloggens, Postens, usw. noch aktuell? Und vor allem: Ist es erstrebenswert, beide Bereiche in einer wie auch immer gearteten Balance zu halten?

Es gibt nun mal Menschen, die gerne viel arbeiten und dabei keine bleibenden Schäden erleiden, und es gibt Menschen, die vor lauter Privatstress erkranken. Und die Forderung, dass Berufs- und Privatleben gefälligst in Balance sein sollen, erhöht auf manchen den Druck, sein Leben noch besser zu planen und zu organisieren, wenn loslassen und Entspannung der passendere Weg wären. Und was heißt denn genau Balance? Auf einer Waage bedeutet das, dass beide Seiten exakt das gleiche Gewicht haben müssen. Und wenn das nicht meinen Zielen und Vorstellungen vom Leben entspricht? Es geht doch nicht um Ausgewogenheit, sondern um Zufriedenheit! Außerdem: Wenn „work“ und „life“ getrennte Bereich sind, lebe ich in der Arbeit dann etwa nicht?

Hinter dem Begriff „Work-Life-Balance steckt – bei allen guten Absichten der Propagandisten der Balance – unterschwellig eine starke Abwertung der Arbeit als primär stressauslösend und belastend, während das Privatleben der wahre Energie- und Glücksquell zu sein scheint. Dummerweise lässt sich das in der Praxis so nicht bestätigen.

Viel wichtiger als eine wie auch immer geartete „Balance“ erscheint mir, dass die Mischung aus Privatleben und beruflichem Engagement für jeden Einzelnen stimmig ist, ich mich damit also wohlfühle und die Ziele erreiche, die ich mir vorgenommen habe. Dazu gehört, dass ich mir auch Zeit für Privates nehme (wenn ich das möchte) und diese Zeit entsprechend hoch priorisiere; ebenso gehört aber für mich dazu, dass ich mich der Arbeit, die mir Freude, Herausforderungen und Erfolgserlebnisse beschert, auch entsprechend ausgiebig widme – und dabei ein gutes Gewissen habe. Wenn ich mit anderen (Familie, Freunde, usw.) zusammenlebe, muss ich meine Prioritäten selbstverständlich mit ihnen abstimmen und auch Regeln vereinbaren, die die Konzentration auf das eine oder andere ermöglichen. Also nicht berufliche mails beim Familienessen lesen oder (so in den USA durchaus üblich) während der Arbeit im Livestream meine Kinder im Kindergarten beobachten. Also Schluss mit dem schlechten Gewissen. Genießen Sie Ihre Arbeit und genießen Sie Ihr Privatleben, egal wie die Verteilung ist. Es ist Ihr Leben, Sie müssen damit zufrieden sein.

Aber machen Sie sich auch nichts vor. Wenn Menschen gegen Ende ihres Lebens zurückblicken und sich fragen, was sie bereuen, fällt der Satz: „ich hätte mehr arbeiten sollen“ nicht so oft.

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