Gruppenentscheidung oder Einzelentscheidung

Wo ist die Entscheidung besser aufgehoben?

Ansfried B. Weinert fasst die heutige "herrschende Meinung" so zusammen:

"Vor allem im Hinblick auf die Frage, wann Probleme und Aufgaben qualitativ besser, schneller und effizienter von Einzelpersonen oder von Gruppen gelöst werden können, kommt dem Fällen von Entscheidungen eine große Bedeutung zu. In heutigen Organisationen wird die Mehrzahl der Entscheidungen von Gruppen, Teams oder Kommissionen gemacht. Deshalb ist die Frage berechtigt, ob denn Gruppenentscheidungen prinzipiell den Entscheidungen von Einzelpersonen vorzuziehen sind. Anstatt allerdings zu fragen, ob Einzelpersonen oder Gruppen ?bessere" Entscheidungen fällen, ist es richtiger zu fragen, unter welchen Umständen und Bedingungen effektivere und qualitativ bessere Entscheidungen getroffen werden können. Um diese Frage zu klären, sind eine Reihe von Forschungsarbeiten durchgeführt worden.

Wesentliche Ergebnisse

1. Der entscheidende Faktor für eine qualitative Überlegenheit der einen über die andere Methode ist die Art des Problems;
2. Gruppenentscheidungen sind den Entscheidungen einzelner Personen überlegen, wenn möglichst viele, verschiedene oder ungewöhnliche Ideen entwickelt werden sollen (= erhöhte Vielfalt von Meinungen und Heterogenität des Entscheidungsprozesses);
3. Gruppenentscheidungen sind den Entscheidungen einzelner Personen dann überlegen, wenn viel Information herbeigeschafft oder ins Gedächtnis zurückgerufen werden muss (= Vervollständigung der Information und des Wissens);
4. Gruppen treffen bessere Entscheidungen als Einzelpersonen, wenn es sich um die Bewertung unklarer, ungewisser und unsicherer Situationen handelt:
5. Einzelpersonen fällen dagegen bessere Entscheidungen, wenn diese Entscheidungsprozesse zum Finden einer Lösung eine Reihe von Teilentscheidungen oder ein tieferes, geistiges Durchdringen der Probleme in jeder Phase verlangen (z.B. das Erstellen von Anweisungen. Regeln, Bestimmungen).
6. Gruppenentscheidungen sind für gewöhnlich genauer im Sinne von besserer Qualität und höherer Effektivität, nicht aber im Sinne von Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung. Wenn es aber um die Effizienz geht, dann sind Einzelpersonen überlegen. Ein möglicher Entscheidungsfaktor in der Überlegung, ob die Wahl eher eine Gruppe oder eine Einzelperson sein soll, sollte deshalb in der Frage liegen, ob die Effektivität oder die Effizienz vorrangig ist.
7. Gruppen sind Einzelpersonen bei Entscheidungen im allgemeinen auch dann überlegen, wenn die Kreativität der Entscheidung ein wichtiger Faktor ist.

Weitere Gründe, die für eine Gruppenentscheidung sprechen

? Die erhöhte Akzeptanz der Entscheidung (die Entscheidung erhält in der Implementierungsphase mehr Unterstützung) und
? die erhöhte Legitimation (= Konsistenz mit demokratischen Idealen, da Mitbestimmung durch Gruppen).

Mitbestimmung vs. Streuung von Macht und Einfluss

Die in vielen Organisationen sich ständig verstärkende Forderung nach Mitbestimmung beim Fällen relevanter Entscheidungen ist auch verbunden mit der Forderung nach einer breiteren Streuung von Macht und Einfluss.

Die Vorteile sind darin zu sehen,

? dass individuelle Initiative, Motivation und Verantwortlichkeit in der Organisation sinnvoll eingesetzt wird,
? dass die individuellen Ressourcen und das Gruppenpotential ausgeschöpft werden.

Daneben muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass Gruppenentscheidungen unter Umständen für Gruppe und Organisation mit erheblichem Mehraufwand an Kosten und v.a. an Arbeitszeit verbunden sein können.

Limitierungen und Nachteile einer Gruppenentscheidung

? Gruppenentscheidungen benötigen gewöhnlich einen längeren Zeitraum als individuelle Entscheidungen (ein Faktum, das in Situationen, in denen schnelle Entscheidungen notwendig sind — beispielsweise als Reaktion auf plötzliche Veränderungen der Umstände — große Probleme aufwerfen kann und die Organisationsführung daran hindert, rasch zu handeln).
? Gruppenentscheidungen sind quasi anonyme Entscheidungen, für die im Bedarfsfall keine Einzelperson als verantwortlich zeichnet (= – Gruppenmitglieder haben unterschiedliche Werte, Fähigkeiten und Eignungen. Sie sind oft nur sehr unzureichend über das unterrichtet, worüber sie eine Entscheidung zu fällen haben.
? Häufig wird eine Gruppenentscheidung von einigen, wenigen Mitgliedern getragen. Das bedeutet, dass sie einseitig belastet und emotional personalisiert und polarisiert werden kann. Die Gruppendiskussion kann von einem oder von wenigen Mitgliedern dominiert werden.
? Gruppenentscheidungen mögen durch starken Konformitätsdruck gegenüber unterschiedlichen Meinungen und Standpunkten zustande kommen."

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