Der Chef weiß eh alles besser

Harald Freiberger – "Jeder sagt hier seine Meinung", denkt der Chef – und auch nur er. Warum Mitarbeiter mit ihrer Meinung oft hinter dem Berg halten.

Das Ergebnis der Mitarbeiterbefragung war für den Konzernchef erschütternd: Jeder zweite Beschäftigte hatte angegeben, dass man im eigenen Unternehmen am besten den Mund hält. Wenn man Probleme gegenüber dem Vorgesetzten offen anspreche, müsse man persönliche Nachteile befürchten. So geschehen bei einem amerikanischen Technologiekonzern mit 50.000 Mitarbeitern.

Die Befragung ließ dem obersten Chef keine Ruhe. Er wollte herausfinden, wie es dazu kommen konnte, dass sich in der eigenen Firmenkultur das Duckmäusertum derart eingenistet hatte. Also beauftragte er zwei Organisationsforscher, James Detert und Linda Trevio, um der Sache auf den Grund zu gehen.
 
Sie führten ausführliche Gespräche mit 100 Mitarbeitern an vier Standorten und schrieben darüber eine Studie, die nun in der Fachzeitschrift Organisation Science erschienen ist. Die Ergebnisse sind bitter, weil sie zeigen, dass Führungskräfte die einfachsten Dinge immer noch nicht wissen.
 
Eigentlich hätte man gedacht, dass die Menschheit organisationspsychologisch und -soziologisch schon ein, zwei Schritte weiter sei. Ist aber nicht so. Eigentlich kann der gemeine Mitarbeiter für das Unternehmen sehr wichtig sein, wenn es gelingt, seine Fähigkeiten anzuzapfen.
 
Ehrlichkeit auf Augenhöhe
 
Klingt ganz logisch und ganz einfach: Der Beschäftigte freut sich, dass er sich einbringen darf und seine Leistung honoriert wird, das Unternehmen profitiert von der Kreativität seiner Angestellten.
Leider passiert das in der Realität eher selten, weil ein Führungsproblem dazwischen steht. Die Mitarbeiter resignieren. Es herrscht das Denken vor: "Der da oben weiß eh alles besser und macht, was er will." Die beiden amerikanischen Forscher schildern in ihrer Studie, wie es dazu kommt.
Es fängt schon bei den grundsätzlichen Dingen an. Meist bitten Vorgesetzte ihre Mitarbeiter ins eigene Büro, wenn sie mit ihnen etwas besprechen wollen. Damit ist bereits die erste Chance vertan, dem Untergebenen einmal auf Augenhöhe zu begegnen und von ihm eine ehrliche Meinung zu hören.
 
Weniger hierarisch, weniger Sitzordnung
 
Viel besser sei die Methode des "Management by walking around": Durch den Betrieb gehen und einfach mal fragen, wie es denn so geht und ob alles klar ist. (Und wenn nicht alles klar ist, dem Mitarbeiter ausnahmsweise Hilfe anbieten, anstatt ihn abzuqualifizieren).
 
Wenn Manager versuchen, für ein offeneres Betriebsklima zu sorgen und die Kultur des Schweigens brechen, geht der Schuss oft nach hinten los, berichten die Forscher. Institutionalisierte Treffen, in denen Beschäftigte ihre Meinung sagen sollen, bringen wenig, sie können sogar das Gegenteil heraufbeschwören: mehr Misstrauen. Das wiederum liegt an so profanen Dingen wie der Sitzordnung: Wenn die Chefs auf der einen Seite sitzen und die Mitarbeiter auf der anderen, was soll dabei anderes herauskommen als Konfrontation?
 
Auch eine Chefsache: Zuhören

Noch eine einfache Wahrheit haben die Forscher herausgefunden: Führungskräfte dozieren lieber als dass sie zuhören. Wer aber ständig selbst redet, signalisiert dem anderen, dass er an dessen Meinung nicht interessiert ist. Er braucht sich nicht zu wundern, wenn dieser am Ende gar nichts mehr sagt. Die Message der Organisationsexperten ist klar: "Lieber Management by walking around" als "Management by talking around". Es wurde Zeit, dass das einmal jemand gesagt hat.

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