Von der Abwertung zur Lösung

Michael Schmidt – Abwertungen verschärfen Konflikte. Die Kenntnis der vier Ebenen der Abwertung hilft bei der Lösung von Problemen.

Wer gibt schon gerne zu, dass er/sie etwas nicht kann, etwas nicht hinkriegt oder sich unpassend benimmt? Also entwickeln wir im Laufe unseres Lebens verschiedene Abwehrmechanismen, die uns helfen, manche Dinge nicht wahrzunehmen oder zu relativieren, die uns ansonsten zu schmerzhaft, zu ängstigend oder zu schwer lösbar erscheinen. Diese Mechanismen nennt man auch Abwertungen.

Abwerten kann ich alles Mögliche, im Ganzen und im Detail. Das Problem wird dadurch aber nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben, verlagert oder verdrängt. Es wird damit lediglich in die „Problemumlaufbahn“ geschossen, aus der es uns jederzeit wieder auf den Kopf fallen kann. Dennoch entwickeln viele Menschen sehr kreative und komplexe Mechanismen, um sich selbst und andere über die Realität hinweg zu täuschen.

Wie kann ich als Führungskraft mit diesen Abwehrmechanismen in Gesprächen umgehen?

Die Abwertung erfolgt in vier Stufen bzw. auf vier Ebenen:
 
  1. Die Existenz des Problems wird abgewertet (Das Problem existiert gar nicht!)
  2. Die Bedeutung des Problems wird abgewertet (Das Problem existiert zwar, ist aber nicht so wichtig!)
  3. Die generelle Lösbarkeit des Problems wird abgewertet (Da kann man nichts machen!)
  4. Der eigene Anteil am Problem und die eigene Lösungskompetenz werden abgewertet (Andere mögen das schaffen, aber ich nicht!).
 
Je höher die Ebene der Abwertung ist, umso schwerer und langwieriger ist der zu erwartende Lösungsweg. Wie kann so ein Lösungsweg  konkret aussehen? Zuerst kommt es darauf an festzustellen, auf welcher Abwertungsebene die Person sich gerade befindet. Dann kommt es darauf an, einen guten Kontakt zum Gegenüber aufrecht zu erhalten, Stress rauszunehmen und sich schrittweise durch die 4 Ebenen zu arbeiten. Jeder Durchbruch auf eine höhere Ebene kann bereits ein Erfolg sein. Erwarten Sie daher nicht zu viel auf einmal, gerade wenn das Problem schon lange existiert.
 
Die folgende Tabelle gibt Ihnen einen Überblick über die Abwertungsebenen, deren Erkennungsmerkmale und Ihre Handlungsalternativen im Gespräch:
 
Abwertungsebene
Erkennungsmerkmale
Handlungsalternativen
 
1. Ebene
 
Existenz des Problems
 
 
Das Problem wird ignoriert. Hinweise auf das Problem stoßen auf Unverständnis bis hin zur Bemerkung, ich wollte demjenigen wohl etwas „aufschwätzen“. Z. B. Äußerungen wie
 
– „Ich weiß nicht, was Du willst/hast!“
– „Ich weiß nicht, was Du meinst.“
– „Das soll ein Problem sein?“
– „Ich verstehe gar nicht, warum Du Dich so aufregst.“
– „Das interessiert mich nicht.“
– „Du machst Dir vielleicht Sorgen.“
– „Das ist/stimmt nicht so!“
 
 
 
– Mit Ich-Botschaften die eigene Sicht (Gefühle, Gedanken, Werte, Ziele, usw.) klar machen;
– Dranbleiben und sich nicht ablenken lassen;
– Symptome und Auswir-kungen des Problems aufzeigen, um Problem-bewusstsein zu wecken
– Fakten, Fakten, Fakten (auch Wahrnehmungen sind Fakten)
– Versuch, über Fakten Einigkeit zu erzielen
– Abbruch, wenn keine Konsensmöglichkeit bei den Fakten abzusehen ist
 
2. Ebene
 
Bedeutung des Problems
 
 
Das Vorhandensein des Problems wird akzeptiert, aber die Wichtigkeit her-untergespielt, z. B. durch
 
– „Das ist doch nicht weiter wichtig!“
– „Du bist überempfindlich!“
– „Das habe ich alles im Griff!“
– „Das ist doch normal (häufig Übergang zu Ebene 3)/ das machen doch alle so!“
– „Das hat andere Ursachen!“
– „Du machst aus einer Mücke einen Elefanten!“
– Ablenkung durch Retourkutschen oder durch Akzeptanz eines anderen Problems, um von diesem Problem abzulenken
 
 
Ähnlich wie 1.; wichtig ist hierbei, mehr und mehr auf Details einzugehen
 
– Insbesondere Hinweis auf Auswirkungen für die Person, die Beziehung o. ä. hier ganz wichtig
 
3. Ebene
 
Lösbarkeit des Problems
 
 
Das Vorhandensein und die Bedeutung des Problems werden akzeptiert, die generelle Lösbarkeit aber angezweifelt, z. B. so:
 
– „Andere kriegen das auch nicht hin!“
– „Daran haben sich schon Generationen von … die Zähne ausgebissen!“
– „Das ist doch Träumerei!“
– „Das hat noch nie einer geschafft!“
– „Das geht nicht!“
– „Das ist praktisch unmöglich (wenn auch theoretisch schön)!“
– „Da lässt sich nichts machen!“
– „Das ist halt so!“
 
Hier sind Beispiele wichtig, entweder von Leuten, die es geschafft haben oder von Situationen, wo es ging.
 
Wenn das Problem wirklich neu ist, helfen Hinweise auf (ähnliche) Probleme, die in der Vergangenheit als unlösbar galten und heute gelöst sind.
 
4. Ebene
 
Eigener Anteil und eigene Kompetenz zur Problemlösung
 
 
Das Problem wird als vorhanden, bedeutsam und lösbar angesehen, aber … „ich kann das nicht.“
 
– „Die Anderen können das (vielleicht: „weil die besser, schöner, klüger, mutiger o. ä. als ich sind“), aber ich kann das nicht / bei mir klappt das nicht!“
– „Das habe ich alles schon versucht!“
– „Da glaube ich nicht dran!“
– „Dazu reicht mein Wissen / Können / meine Erfahrung etc. nicht!“
– Dazu bin ich zu schwach / undiszipliniert, usw.!“
– „Ich bin halt so!“ oder Ich bin halt ein(e) Chaot/-in (oder sonst was), da kann man nichts machen!“
 
 
 
Hier ist es wichtig, an der Erfolgsgeschichte der jeweiligen Person anzuknüpfen, z. B.
 
– „Das hast Du doch damals in der Situation x auch (gut) hingekriegt!“
– Das ist doch so ähnlich wie mit y!“
– „Vor drei Jahren hast Du auch gesagt, das geht nicht, und heute klappt es wie von selbst!“
– „Um den Job zu kriegen, hast Du Dich doch auch weitergebildet!“
– „Bei dem Problem z hast Du den Nachbarn um Hilfe gebeten, und es hat prima geklappt.“
– „Du kannst alles, was Du brauchst, dazu lernen und Dir Hilfe holen.“
 
Wieder enorm wichtig: Genau nachfragen
 
 
Ist das Problem benannt und anerkannt, lässt es sich meist auch lösen bzw. akzeptieren.
 
Der Umgang mit den Abwertungsebenen stellt sich genau so dar, wie Max Weber einmal die Aufgabe der Politik beschrieben hat: Das geduldige Bohren von dicken Brettern mit dünnen Bohrern. Ich wünsche Ihnen dafür viel Geduld!
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