4 Seiten einer Nachricht im interkulturellen Dialog

Georg Schwinning – Das Modell 4 Ohren von Schulz von Thun wurde bereits vorgestellt. Wie sieht dieses aber im interkulturellen Kontext aus?

In Anlehnung an Kumbier/Schulz von Thun (2006) sollen mit nachfolgendem Beispiel exemplarisch mögliche Besonderheiten in der verbalen interkulturellen Kommunikation veranschaulicht werden.
Eine Chinesin besucht ihre Freundin in Deutschland. Das Angebot der deutschen Freundin auf eine Tasse Tee wurde typisch chinesisch, höflich abgelehnt. Folglich wurde typisch deutsch, zur Enttäuschung der Chinesin auch keine Tasse Tee eingeschenkt. Die deutsche Gastgeberin wiederholte aber ihr Angebot und zu ihrem Erstaunen nahm die chinesische Freundin plötzlich das Angebot an. Darauf reagierte die Gastgeberin aus Deutschland wiederum sehr überrascht und kritisierte, warum seitens der Chinesin nicht sofort klar und deutlich gesagt würde, was sie wolle.
Die Chinesin, mit Kenntnis des Modells von Schulz von Thun, analysiert in diesem Moment für sich, dass sie zunächst automatisch auf der Beziehungsebene also mit dem Beziehungs-Ohr die Kritik aufnimmt. Dabei fühlt sie sich verstimmt über den Vorwurf. Bei der Analyse auf der Ebene der Selbstoffenbarung, also dem Selbstoffenbarungs-Ohr wurde jedoch klar, dass bei der deutschen Freundin aufgrund des zunächst ablehnenden aber dann annehmenden Verhaltens, eine Verunsicherung entstand, wie man miteinander umgehen kann.
Bei der ersten Ablehnung zeigte die Chinesin ihre ganze Höflichkeit, die in der chinesischen und auch allgemein in der asiatischen Kultur einen sehr hohen Stellenwert besitzt. Die Ablehnung aus unserem Beispiel wird von einem chinesischen Gastgeber nicht auf der Sachebene analysiert, sondern für ihn ist auf der Ebene der Selbstoffenbarung klar, dass damit auf die Umstände die mit dem Teekochen verbunden sind hingewiesen werden soll und dass diese Umstände dem Gastgeber zunächst nicht zugemutet werden sollen. In China gilt es als sehr unhöflich ein Angebot sofort anzunehmen. Andererseits wird in China mit dem Angebot auf eine Tasse Tee ausgedrückt, dass ein Gast willkommen ist. Würde kein Tee angeboten, könnte sich der Gast wiederum unerwünscht fühlen. Die Analyse dieses  Verhaltens auf den jeweiligen Kommunikationsebenen im Rahmen des Kommunikationsquadrates erfolgt automatisch und unbewusst, da diese im jeweiligen kulturspezifischen Orientierungssystem verankert sind. Es ist also für Chinesen völlig normal und auch richtig, zunächst abzulehnen, obwohl sie gerne eine Tasse Tee erhalten möchte.
Mit Hilfe des Kommunikationsquadrates wird in diesem Beispiel das Missverständnis geklärt. Die deutsche Freundin verstand nun, dass ihre chinesische Freundin durchaus einen Tee erwartete, obwohl sie ablehnte. Die chinesische Freundin hat wiederum erkannt, dass sie ihrer deutschen Freundin klar mitteilen muss, wenn sie einen Tee bekommen möchte. Die Besonderheiten dieses interkulturellen Kommunikationsprozesses soll die nachstehende Abbildung nochmals verdeutlichen.
Quelle: In Anlehnung an Kumbier/Schulz von Thun (2006)
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