Mentale Kontenführung: Wie Schuldgefühle unser Handeln bestimmen.

Ulrich Grannemann – Wir sehen Hilfsbereitschaft als Eigenschaft einer Person und schließen von diesem Urteil auf ihr Verhalten. Dabei ist das empfundene Schuldkonto viel entscheidender.

Daniel A. Newark von der Stanford University ließ Studenten Passanten aber auch Bekannte um einen Gefallen bitten (z.B. ein paar Fragen beantworten). Die gleichen Passanten wurden danach um einen zweiten Gefallen gebeten (z.B. einen Brief einwerfen). Die Studenten vermuteten, dass die, die beim ersten Mal den Gefallen verweigert hatten, dies auch beim zweiten Mal tun würden. Das Gegenteil war der Fall.
 
Menschen mit schlechtem Gewissen sind hilfsbereiter
 
Wir sehen Hilfsbereitschaft als Eigenschaft einer Person und schließen von diesem Urteil auf ihr Verhalten. Dabei ist das empfundene Schuldkonto viel entscheidender für unser Verhalten. Newark konnte diesen Zusammenhang signifikant für verschiedene Gruppen, verschiedene Formen von Bitten und auch in Bezug auf die Qualität einer übernommenen Arbeit nachweisen. Arbeiten bei einem negativen Kontostand wurden sorgfältiger ausgeführt als bei ausgeglichenem Konto.
 
Was bedeutet das für die Beziehungen im Unternehmen?
 
Das bringt mich dazu, mit dieser Brille auf die Beziehungen in Unternehmen, zwischen Mitarbeitern und Chef, zwischen den Kollegen, zu schauen. Wenn die Studien Recht haben, ist neben der Motivation, die sich auf die Aufgaben bezieht, das Vorzeichen des Schuldenkontos für unsere Handlungen viel wichtiger.
 
Wem schulde ich was? Wer ist mir was schuldig?
 
Machen Sie mal eine Beziehungsanalyse der etwas anderen Art. Gehen Sie mal in Gedanken ihre wichtigsten Mitarbeiter durch. Bei wem denken Sie, dass er/sie Ihnen etwas schuldig ist (z.B. weil Sie so viel für sie/ihn getan haben, so viel Rücksicht auf alles Mögliche genommen haben)?
Und bei wem denken Sie, dass Sie etwas schuldig sind (vielleicht weil Sie die Bitte nach einer Gehaltsaufbesserung abgelehnt haben)? Und wie beeinflusst das ihr Verhalten und ihre Entscheidung? Was passiert, wenn ein Mitarbeiter mit Schuldkonto oder einer ohne einen Termin bei Ihnen möchte? Oder Sie um einen Gefallen bittet? Welche Gefühle bestimmen das Gespräch? Bis hin zu der Frage: „welcher Person möchte ich nichts schuldig sein?“ Also bitte ich diese Person gar nicht mehr um einen Gefallen. Und ich delegiere keine Aufgaben.
 
Drei Typen von Beziehungen
 
Mit diesem Blick auf das soziale Gefüge ergeben sich drei Grundtypen von Beziehungen.
 
Erster Grundtypus: Beide haben ein negatives Konto, beide fühlen sich verpflichtet.
 
Die eigenen Taten werden tendenziell unterbewertet, und die Taten des andern höher. Bei diesem Typus von Beziehung kann man sich schwerlich vorstellen, dass Konflikte entstehen. Sie sind durch Freundschaft, gegenseitige Achtung, Respekt gekennzeichnet. Auch gegenseitige Liebe fällt sicherlich in diese Kategorie.
 
Die zweite Beziehungskategorie: Asymmetrie, Abhängigkeit.
 
Die eine Person hat ein negatives die andere ein positives Konto. Die eine Person ist der anderen verpflichtet, steht in ihrer Schuld. Diese Beziehungen sind fragil. Wann genau ist der Zeitpunkt erreicht, dass die Schuld beglichen wurde? Auch hier hängt das Schicksal der Beziehungen davon ab, wie auf dem Konto die einzelnen Handlungen bewertet werden. Ist der Mitarbeiter dem Unternehmer etwas schuldig, weil er ihm Arbeit gibt? Oder müsste der Unternehmer dankbar sein, weil der Mitarbeiter seine Arbeitszeit für ihn opfert? Der ein oder andere mag sich an die erste Szene aus dem Film „Der Pate“ erinnern. Der Pate Don Corleone verweigert einem Bittsteller den Gefallen, obwohl der ihm jede Gegenleistung anbietet.
Erst als der Bittsteller ihn Freund und Pate nennt, antwortet der Pate: "irgendwann aber vielleicht auch nie, werde ich Dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit zu erweisen. Aber solange ich das nicht tue, wird die Erfüllung Deiner Bitte mein Geschenk für Dich sein." Der Pate will kein Nehmen und Geben, sondern ein System der Verpflichtung.
 
Die dritte Beziehungstyp: beide haben ein positives Konto.
 
Man kann sich leicht vorstellen, dass es nur kleine Anlässe braucht, um in diesem System der gegenseitigen Erwartungen (der Andere ist mir etwas schuldig) Enttäuschungen und Konflikte entstehen zu lassen.
Somit ist für die Konfliktlösung und die Konfliktprophylaxe zunächst einmal die Analyse der gegenseitigen Konten wichtig. Wer hat welche Erwartungen? Wer ist wem was schuldig?
 
Die goldene Frage zu Prophylaxe von Konflikten
 
Somit wird die Frage nach dem Stand der Konten zur goldenen therapeutischen Frage bei der Auflösung von Konflikten. Vor diesem Hintergrund sind auch die Rollenbilder von entscheidendem Einfluss. Was ist eine Tochter ihrer Mutter schuldig? Was der Vater seinem Sohn? Was der Mitarbeiter seinem Chef? Und welche traditionellen Erwartungen hängen an diesen Rollenbildern?
 
Regeln der Kontenbewertung
 
Das gilt für alle unsere Soziotope, wie unsere Freundschaften, unsere familiären Beziehungen, unser Verhältnis zu unseren Nachbarn und natürlich die Beziehungen im Unternehmen.
 
Die vorliegenden Studien unterstreichen die Bedeutung der Metaphern von Rabattmarkenheften und Ärgerlisten. Wir sollten uns fragen, wie wir zu unseren Bewertungen kommen? Woher nehmen wir die innere Berechtigung?
 
 
Viktor Frankls Kernsatz und Botschaft an seine Klienten war:
„Frage nicht, was das Leben für dich tun kann, Frage was kannst du für das Leben tun?“
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