Burnout – Modekrankheit oder der Preis unserer schnelllebigen Zeit?

Michael Schmidt. „Termin“ – schon dieses Wort löste bei mir damals ein Gefühl bleierner Schwere aus, gepaart mit dem Wunsch, gleich wieder ins Bett zu gehen. Als jüngster Offizier in meiner Position hatte ich alle NATO-Prüfungen mit und für meine Einheit bravourös und erfolgreich bestanden, einen kranken Kollegen vertreten und ein verunsichertes Team zu Top-Leistungen geführt. Eigentlich ein Grund, sehr stolz zu sein. Trotzdem fühlte ich mich leer und verbraucht. Sämtliche Versuche, mich selbst zu motivieren und auch die Bemühungen meiner Vorgesetzten und Kollegen, mich aufzumuntern, scheiterten, kurzum: Ich hatte einen Burnout. Damals wussten nur ein paar Experten, dass es so etwas gibt und wie man das konkret behandelt.

Heute sind psychische Erkrankungen im Beruf ein stark wachsendes Phänomen (im Jahr 2009 gingen laut Psychotherapeutenkammer bereits 11 Prozent aller Fehltage auf das Konto psychischer Erkrankungen). Sie werden aufmerksam beobachtet, analysiert und zunehmend als berufsbedingt anerkannt. Eine wachsende Gesundheitsindustrie kümmert sich um die Heilung der Betroffenen und die Krankenkassen bieten ein breites Spektrum an Maßnahmen zur Stressreduktion und Burnout-Prophylaxe an. Viele Unternehmen reagieren auf die Zunahme psychischer Krankheiten (und den demographischen Wandel) mit dem Aufbau von betrieblichen Gesundheitssystemen.
 
All das sind wichtige und hilfreiche Maßnahmen, doch was kann der Einzelne und was können insbesondere Führungskräfte tun, um sich und die eigenen Mitarbeiter vor solchen Krankheiten zu schützen? Und wer ist besonders gefährdet?
 
Besonders gefährdet sind offensichtlich:
  • Menschen, die besonders engagiert sind und Ihren Selbstwert stark über die Arbeit definieren (die für ihre Sache „brennen“)
  • Menschen, die kein oder nur ein sehr rudimentäres soziales Netz haben (Familie, Freunde, Vereine, usw.)
  • Mitarbeiter von Unternehmen, in denen ein starker Personal-, Zeit- und Kostendruck herrscht 
  • Mitarbeiter, die stark fremdbestimmt arbeiten und immer erreichbar sein müssen
  • Mitarbeiter in unsicheren Jobs mit geringer Bezahlung
  • Mitarbeiter in sozialen und Pflegeberufen wegen der emotionalen Belastung
  • zunehmend auch Freiberufler.

Entscheidend ist zusätzlich der Entscheidungsspielraum, den die Einzelnen haben: Wenn Menschen das Gefühl haben, ihre Arbeitsbedingungen nur wenig bis gar nicht beeinflussen zu können, fühlen sie sich ausgeliefert. Dieser subjektiv empfundene Autonomieverlust ist ein wesentlicher Faktor für die Entstehung von Burnout.
 
Die moderne Arbeitswelt trägt ein Übriges dazu bei, sich fremdbestimmt zu fühlen. Wir leben „online“ und machen „multitasking“-mäßig mehrere Dinge auf einmal. Der Alltag wird in kleine „Aufmerksamkeitshappen“ von Sekunden oder Minuten zerhackt, und obwohl die offizielle Arbeitszeit 38 Stunden beträgt, arbeiten gerade die Leistungsträger oft mehr als 48 Stunden die Woche.  Zusätzlich erleben viele das, was der Medizinsoziologe Johannes Siegrist als "Gratifikationskrise" bezeichnet: Das Verhältnis von Verausgabung einerseits und Anerkennung in Form von Lohn, Aufstiegschancen, Arbeitsplatzsicherheit und Wertschätzung durch den Arbeitgeber andererseits gerät zunehmend aus der Balance.  
 
Gegen diese Burnout fördernden Faktoren können sowohl die Führungskräfte als auch jeder Einzelne etwas tun, auch wenn der Markt, die Kunden oder andere externe Faktoren nicht veränderbar sind.

 
Burnout-Prophylaxe für jede/n Einzelne/n:
 
  • Machen Sie sich Ihre eigenen inneren Antreiber bewusst, d. h. innere Haltungen, Einstellungen und Ansprüche, mit denen Sie sich selbst unter Druck setzen. Finden Sie dann pro Antreiber mindestens eine Erlaubnis, die Sie sich selbst geben können.
  • Prüfen Sie Ihre eigenen Ziele und Vorhaben auf Machbarkeit (Anzahl, Ausmaß, zeitlicher Rahmen) und korrigieren Sie diese, wenn Sie feststellen, dass Sie zuviel auf einmal wollen.
  • Planen Sie Aktivitäten ein, die Ihnen Kraft geben (Hobbies, Familie, Freunde, usw.), und priorisieren Sie diese. Am Besten planen Sie diese Termine als Erstes.
  • Lernen Sie, Nein zu sagen (Klingt banal, ist aber essentiell). Wer zu Anderen „nein“ sagen kann, sagt zu sich selbst „ja“. Oder sind Sie einfach unentbehrlich?
  • Seien Sie für bestimmte Zeiten am Tag oder zumindest in der Woche „offline“ und nicht erreichbar, ohne Handy, Internet, Fax, mail und Co.
  • Lernen Sie (wieder), Pausen zu machen, in denen Sie nichts tun und zur Ruhe kommen, um die Reizüberflutung zu vermindern und Ihre innere Stimme wieder hören zu können.
  • Bauen Sie Entspannungszeiten und –rituale in Ihren Alltag ein.

Burnout-Prophylaxe durch Führungskräfte:
 
  • Achten Sie bei der Delegation von Aufgabendarauf, nicht immer nur die sehr Willigen und Engagierten, sondern alle Mitarbeiter zu berücksichtigen.
  • Prüfen Sie die Ziele und Vorhaben Ihrer Abteilung auf Machbarkeit (Anzahl, Ausmaß, zeitlicher Rahmen) und korrigieren Sie diese, wenn Sie feststellen, dass Sie zuviel auf einmal von Ihren Mitarbeitern wollen oder gar unerfüllbare Dinge verlangen.
  • Begrenzen Sie die Arbeitsstunden (zur Not durch betriebliche Regelungen).
  • Achten Sie darauf, dass Urlaub genommen werden kann und auch genommen wird.
  • Unterstützen Sie die Pflege der Kollegialität und eines positiven Arbeitsklimas in Ihrem Verantwortungsbereich.
  • Bieten Sie inner- oder außerbetriebliche Möglichkeiten zur Steigerung der geistigen, seelischen und körperlichen Fitness an oder fördern diese.
  • Beschränken Sie den internen Mailverkehr auf das Notwendige (z. B. weniger cc, weniger Priorisierungen, usw.)
  • Schaffen Sie Arbeits- und Pausenräume, in denen es auch Spaß macht, zu arbeiten bzw. Pause zu machen.
  • Prüfen Sie die „Gratifikationsbilanz“ in Ihrer Abteilung auf eventuelle Schieflagen
  • Bauen Sie in Zusammenarbeit mit Krankenkassen, Betriebsärzten und externen Fachleuten ein betriebliches Gesundheits-Management auf.
 

Ich habe meinen Burnout gut überwunden und arbeite heute wieder gerne und immer wieder auch viel. Geholfen haben mir vor Allem die Umsetzung einiger der oben genannten Maßnahmen und meine Versetzung auf eine andere Position (als Ausbilder für Nachwuchsführungskräfte).
 
Meine Vorgesetzten waren damals genau so wie ich mit dem Burnout überfordert und reagierten darauf hilflos. Sie können es heute besser machen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei!

 

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